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Wahl in Rheinland-Pfalz : Bis zur letzten Stunde

Elf Mal war Angela Merkel in Rheinland-Pfalz, um Julia Klöckner im Wahlkampf zu unterstützen. Bild: dpa

In Rheinland-Pfalz hofft SPD-Spitzenkandidatin Malu Dreyer am Wahlsonntag auf einen „Swing“ zu ihren Gunsten. Julia Klöckner von der CDU kämpft mit ausgefeilten psychologischen Techniken. Eindrücke vom Wahlkampfendspurt.

          Die alte Frau hat sich entschieden, und das muss sie jetzt auch loswerden, wo die Frau Dreyer doch gerade wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht ist. „Wenn die CDU auch nur eine Stimme mehr hat, dann wird doch die Frau Klöckner Ministerpräsidentin, oder?“, fragt sie. „Das will ich aber nicht. Und deshalb bekommen Sie am Sonntag meine beiden Stimmen.“ Malu Dreyer strahlt die Frau an, das sind Sätze, die ein Spin-doctor nicht besser hätte schreiben können, und deshalb schenkt sie der alten Dame eine der roten Rosen, die ihr Gefolge bereithält. Die alte Frau lächelt, das Dreyer-Team ist zufrieden: gute Sätze, gute Bilder, es läuft.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es ist Freitagnachmittag vor dem Mainzer Dom, Wahlkampfendspurt in Rheinland-Pfalz. Oben am Himmel strahlt die Sonne mit den Genossen unten auf dem Platz um die Wette. Am Morgen ist eine neue Umfrage gekommen, in der die SPD sogar wieder vor der CDU liegt: 36 zu 35 Prozent. Im Herbst war sie noch zweistellig im Rückstand, jetzt aber könnte Malu Dreyer vielleicht doch Ministerpräsidentin bleiben - eine Aussicht, an die auch Genossen mit sonnigen Gemütern schon kaum noch geglaubt hatten und die die Partei jetzt sichtlich beflügelt.

          Ergebnisse

          Die Wahlkämpfer um die CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner halten die  SPD-Beschwörungen, wonach es einen „Swing“ gebe oder man sich in einem „Flow“ befinde, für Autosuggestion. Sie nähmen im Wahlkampf eine ganz andere Stimmung wahr.

          Tatsächlich waren viele CDU-Veranstaltungen gut besucht bis rappelvoll, auch, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel auftrat. Am Freitag ist sie in Trier, der Stadt, in der Malu Dreyer wohnt. Merkel war elf Mal im rheinland-pfälzischen Wahlkampf. Anfangs legte sie in ihren Reden den Schwerpunkt auf das Thema Flüchtlinge, später versuchte sie dann verstärkt, die SPD zu attackieren, und zwar vor allem bei Landesthemen wie Infrastruktur, Bildung, schnelles Internet. In Trier wirft Merkel Dreyer vor, sie wolle sich vor der Wahl weder zur Frage der sicheren Herkunftsstaaten äußern noch zur Zukunft des Flughafens Hahn. In der rheinland-pfälzischen CDU findet man diese Akzentverschiebung in den Merkel-Reden - um ein Wort der Kanzlerin zu verwenden - sehr hilfreich.

          Malu Dreyer mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel in Ingelheim

          Auch am Samstag in Kaiserslautern können sich die Christlichen Demokraten über mangelnden Zuspruch nicht beklagen - und das, obwohl die Stadt nicht gerade eine schwarze Hochburg ist. Der Wahlkampf-Bus von Klöckner hat vor einem neu gebauten Einkaufszentrum gehalten, sogleich bildet sich eine Traube um die Kandidatin. Der Zuspruch überwiegt bei Weitem. Eine alte Frau ist extra aus dem Altenheim gekommen. Sie sagt zu Klöckner, nicht nur sie selbst werde CDU wählen, sondern auch ihr „Kollege“.

          Ein junger Mann, seit Kurzem wahlberechtigt, sagt zu Klöckner, er stamme aus der Türkei, sei aber gerade eingebürgert worden. „Muss ich jetzt CDU wählen?“ Klöckner sagt: „Herzlichen Glückwunsch zur Einbürgerung.“ Und: „Müssen tun Sie gar nichts, wir sind ein freies Land.“ Der junge Mann sorgt sich wegen des geplanten Freihandelsabkommens TTIP. Klöckner legt es ihm auseinander, so gut das samstags im Eingang zu einer Fußgängerzone möglich ist. Viele Leute sind nicht trotz der jüngsten Verluste in den Umfragen gekommen, sondern wegen. Tenor: „Die Flüchtlingskrise ist nicht alles, wir wählen hier einen Landtag, und die durch die Landesregierung verursachten Probleme dürfen nicht aus dem Blick geraten.“ Eine Frau Mitte siebzig geht auf Klöckner zu, sagt: „Meine Stimme haben Sie.“ Sie habe aber auch Kinder und Enkel, alle wahlberechtigt. Um die müsse sie kämpfen, dass sie CDU statt AfD wählen.

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