https://www.faz.net/-gpf-8eohh

Wahl in Rheinland-Pfalz : Bis zur letzten Stunde

Zurück in Mainz. Malu Dreyer weiß selbst am besten, dass am Sonntag immer noch alles passieren kann, ein überraschender Sieg oder doch noch eine Niederlage, deshalb geht es bis zuletzt um jede Stimme. Also arbeitet sie sich mit ihrem Tross durch die Fußgängerzone, verteilt hier ein paar Röschen, dort einen Frucht-Smoothie (dunkelrot) mit „Malu“-Aufdruck und lässt sich in einem Müsli-Laden ein paar Knabbereien zusammenstellen, die sie dann beim Gehen löffelt. Volksnah und unkompliziert soll es aussehen. Ihre Beliebtheitswerte waren schon immer besser als die von Julia Klöckner - bei der CDU erklären sie das mit dem Amtsbonus und verweisen auf viel schlechtere Werte von Oppositionsführern in anderen Bundesländern. Tatsächlich ist auch Klöckner eine große Könnerin im Umgang mit den Leuten, sie polarisiert allerdings viel mehr als Dreyer. So hat die Ministerpräsidentin unter CDU-Wählern mehr Anhänger als ihre Konkurrentin beim SPD-Klientel.

In der Fleischerei und im TV-Studio: die Bilder der F.A.Z.-Fotografen vom Wahlkampf Bilderstrecke

Umso mehr setzen sie in der SPD jetzt darauf, dass Dreyer vom politischen Gegner zu lange unterschätzt wurde - und dass ihre persönliche Beliebtheit am Ende den entscheidenden Ausschlag bei den Unentschlossenen geben wird. „Wer Malu Dreyer will, muss SPD wählen“, das war in den letzten Wahlkampfwochen die Hauptbotschaft. Es ist deshalb kein Zufall, dass die SPD an diesem Freitagnachmittag ausgerechnet Olaf Scholz als Wahlkampfhelfer nach Mainz eingeladen hat, den Ersten Bürgermeister aus Hamburg. Er ist in der Hansestadt auch unter CDU-Wählern so beliebt, dass er bei der Bürgerschaftswahl als Person quasi unantastbar war, auch wenn er eine Verteidigung seiner absoluten Mehrheit am Ende verfehlte. Also läuft jetzt auch Scholz im Pulk durch die Fußgängerzone und verteilt Rosen - im Unterschied zu Dreyer erkennt ihn allerdings kaum jemand. Seine Botschaft versucht er trotzdem unters Volk zu bringen. „Die Wähler in Hamburg wollten mich als Bürgermeister behalten“, sagt Scholz, „deshalb haben mir auch viele CDU-Anhänger ihre Stimme gegeben. Hier in Rheinland-Pfalz ist das doch ganz ähnlich.“

Dass es neben der persönlichen Beliebtheit Dreyers auch an Klöckners Kurs in der Flüchtlingspolitik und ihren Absetzbewegungen von der Kanzlerin liegt, dass die SPD in den vergangenen Wochen so deutlich aufgeholt hat, davon sind an diesem Freitagnachmittag in Mainz viele Genossen überzeugt. „Die CDU hat sich zu früh auf der Siegerstraße gefühlt, aber die Leute wollen keine Taktiererei“, sagt Innenminister Roger Lewentz, der in Mainz an der Seite von Dreyer mitmarschiert. Der SPD-Vorsitzende wird als erster Mann gehandelt, sollte die SPD die Wahl verlieren und als Juniorpartnerin in eine große Koalition gehen. Denn für ein Ministeramt unter einer Ministerpräsidentin Klöckner stünde Malu Dreyer nicht zur Verfügung.

Den Gedanken, dass die Aufholjagd am Ende doch vergeblich gewesen sein könnte und dass es nicht nur vom Ergebnis der SPD, sondern auch vom Abschneiden der FDP und der Grünen abhängt, ob Dreyer in der Staatskanzlei bleiben kann - zumindest an diesem Freitagnachmittag will ihn in Mainz kein Genosse laut aussprechen. „Jetzt ist wieder alles möglich“, sagt Roger Lewentz, während sich der Tross weiter durch die Fußgängerzone schiebt. Andere bemühen gar Vergleiche zu Altkanzler Gerhard Schröder, der vor der Bundestagswahl 2005 in den Umfragen lange abgeschlagen hinter der CDU lag, dann aber eine fulminante Aufholjagd hinlegte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.