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SPD : Die nahbare Landesmutter

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) lässt sich im Willy-Brandt-Haus feiern. Bild: Matthias Lüdecke

Sie kann schnippisch sein, schneidend, messerscharf: Wie Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit Charme und Härte die Wahl in Rheinland-Pfalz für sich entschied.

          Die Strategen der rheinland-pfälzischen SPD gaben sich am Wahlabend gar keine große Mühe so zu tun, als habe der Wähler die Sozialdemokratie zuvorderst für ihre tollen Inhalte belohnt. Jedem war klar, wem die 36,2 Prozent vor allem zu verdanken waren: Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Der Wahlausgang wirft dabei auch ein helles Licht auf die strategische Weitsicht Kurt Becks. Der hatte Dreyer vor gut drei Jahren als seine Nachfolgerin aus dem Hut gezaubert.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Nicht dass Dreyer zuvor unbekannt gewesen wäre: Als Bürgermeisterin in Bad Kreuznach und Sozialdezernentin in Mainz hatte sie kommunalpolitische Erfahrung gesammelt, später, als Sozialministerin unter Beck, gehörte sie zu den Stützen seines Kabinetts. Aber sie galt eben eher als Fachpolitikerin denn als Generalistin. Auch ihre Krankheit, Multiple Sklerose, ließ bei den meisten politischen Beobachtern gar nicht erst den Gedanken aufkommen, Dreyer könnte eine Kandidatin für die Staatskanzlei sein.

          Die Gabe, Symapthie zu wecken

          Beck aber ahnte: Wenn jemand gegen die CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner gewinnen kann, dann Dreyer. Entscheidend ist ihre Gabe, bei anderen Menschen in unaufdringlicher Weise Sympathie für sich zu wecken. Bilder spielen dabei eine große Rolle, Gesichter. Das von Klöckner ist klassisch schön, hat aber auch etwas Skulpturales. Dreyers Gesicht hat sich trotz ihres Alters von 55 Jahren eine gewisse Mädchenhaftigkeit bewahrt und wirkt dadurch nahbarer. Bei der SPD haben sie das frühzeitig gemerkt und der Ministerpräsidentin lange vor der Wahlentscheidung ein professionelles Kamerateam zur Seite gestellt. Noch wichtiger war die persönliche Begegnung. Die Annahme, die der SPD-Kampagne zugrunde lag: Je mehr Rheinland-Pfälzer die Ministerpräsidentin persönlich erlebt haben, desto größer sind die Wahlchancen – denn wer Dreyer erlebt hat, kann kaum anders, als sie zu wählen.

          Ergebnisse

          Das Image der herzenswarmen Landesmutter wurde dabei bisweilen arg strapaziert. Man konnte den Eindruck haben, damit sollte über mangelnde politische Erfolge hinweggetäuscht werden. Tatsächlich ist in den gut drei Jahren unter Dreyer kein bedeutendes politisches Werk entstanden. Die Ministerpräsidentin hatte genug damit zu tun, die Feuer am Nürburgring oder am Flughafen Frankfurt-Hahn einzuhegen. Das ist ihr weitgehend gelungen. Die Flüchtlingskrise hat Dreyer zunächst unterschätzt, was freilich kaum verwunderlich ist. Sie ist eine soziale Optimistin, die damit andere anstecken kann, die aber gleichzeitig wenig Verständnis hat, wenn jemand trotzdem bei seinem Pessimismus oder Zynismus bleibt. Zuletzt beim Fernseh-Duell hat man gesehen, dass sich in Dreyer etwas dagegen sträubt, das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu problematisieren.

          Man konnte aber auch noch etwas anderes sehen: dass Dreyer hart sein kann, schnippisch, schneidend, messerscharf. Spätestens im Herbst hatte sie erkannt, dass die Wahl nur zu gewinnen sein würde, wenn sie die Bewältigung der Flüchtlingskrise zu ihrer Sache macht. Bald war ihr auch klar, dass darin sogar eine große Chance lag, die sie dann unter anderem im Fernsehduell gnadenlos genutzt hat. Sie stellte sich selbst als zupackende Managerin dar und trieb Klöckner wegen deren Dissonanzen zu Angela Merkel in die Enge.

          Am späteren Wahlabend besuchte Dreyer ihren Koalitionspartner, die Grünen. Sie kam, um in der Stunde des Triumphs die Gebeutelten zu trösten und zu ermutigen. Das war ihr ein wirkliches Bedürfnis. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die SPD mit ihrer Zweitstimmenkampagne und der absoluten Fokussierung auf Dreyer erst dazu beigetragen hatte, dass die Grünen guter Worte bedurften.

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