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Landtagswahl in Rheinland-Pfalz : Kurt Beck - Der ewige Ministerpräsident

  • -Aktualisiert am

Wahlplakat in Mainz Bild: dapd

Den jüngsten Umfragen nach dem Atomunglück von Fukushima zufolge sind Kurt Becks Chancen auf eine vierte Amtszeit gestiegen. Beck sieht sich als „Kümmerer“, der im Stile eines Dorfbürgermeisters ein offenes Ohr für die Sorgen der Bürger hat und für praktische Hilfe sorgt.

          Im Saal des Bürgerhauses von Nastätten sind alle Stühle besetzt, die Luft ist stickig. Den meisten der gut 300 Männer und Frauen, die hier geduldig warten, sieht man die Jahrzehnte harter Arbeit an. Zur Überbrückung spielt eine Blaskapelle Volksmusikweisen. Oben am Biertresen stehen ein Dutzend wirklich junger Jusos in roten T-Shirts Spalier. Sie halten Schilder vor der Brust, auf denen der Stargast des Abends in Wortspielen gepriesen wird: „Kurt und gut“ oder „PersBECKtive“. Die Veranstaltung atmet die gute Laune eines Schützenfestes, auf das sich die Leute nach einem anstrengenden Arbeitstag auf dem Bau, an der Supermarktkasse oder in der Montagehalle ehrlich freuen. Auf der Bühne befragt ein junger Moderator den 64 Jahre alten Karl Peter Bruch (SPD) über seine Gefühle für den Hauptgast des Abends. Der rheinland-pfälzische Innenminister, frühere Bürgermeister von Nastätten und einstige Polizeihauptmeister antwortet jovial: „Ich habe ihn als gemütlichen Pfälzer kennengelernt. Er geht auch als Ministerpräsident ganz normal mit Menschen um. Er ist eben der Kurt.“

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Gegen 20 Uhr betritt „der Kurt“ den Saal, winkt links und rechts den Leuten zu, die aufstehen und ihn mit rhythmischem Klatschen willkommen heißen. Von der Bühne aus hat sein Wahlkampfteam ihm eine Art Landungsbrücke mit Rednerpult gebaut. Sie bringt ihn näher an sein Publikum, das aber gleichzeitig zu ihm aufschauen kann. Zum Landesvater Beck, der Rheinland-Pfalz seit fast 17 Jahren regiert. In Nastätten, einem beschaulichen 4000-Einwohner-Städtchen im Rhein-Lahn-Kreis, erahnt man an diesem Abend, warum die SPD mit Beck drei Landtagswahlen gewonnen hat und beim letzten Mal 2006 sogar die absolute Mehrheit – in einem Bundesland, in dem bei Kommunal-, Europa- und Bundestagswahlen seit Jahren die CDU gewinnt. Die einst scheinbar ewige Regierungspartei im Heimatland Helmut Kohls, die im Landtag aber vor allem dank Beck seit 20 Jahren auf der Oppositionsbank sitzt.

          Es geht um soziale Gerechtigkeit und „Lohndrückerei“

          Mit dunkelblauem Anzug und roter Krawatte steht er dort oben und lächelt hinunter. Er legt besonders viel Wärme in seine Stimme, als er seinen ersten Satz sagt: „Ich bin gerne gekommen ins Nassauer Land, wo die Menschen immer zu Unrecht als Nassauer bezeichnet werden. Nassauer sind gute Menschen.“ Die Zuhörer lachen herzlich über diesen freundlichen Kalauer. Damit hat Beck den Boden für seine Wahlkampfrede bereitet. Eine Rede, in der Anekdoten aus seiner Kindheit in der Südpfalz vorkommen, Lebensweisheiten seiner Oma Gretel, das Wettern gegen neoliberales Ellenbogendenken und ein leidenschaftliches Bekenntnis zum „Miteinander“ gerade in schweren Zeiten. Es geht um soziale Gerechtigkeit und „Lohndrückerei“, die den Maurersohn und gelernten Elektriker furchtbar aufregen – eine Rede, in der Beck das Heimatgefühl der Rheinland-Pfälzer beschwört und die „wundervollen Landschaften“ zwischen Westerwald, Eifel, Hunsrück, Rheinhessen und der Pfalz preist. Seine CDU-Herausforderin Julia Klöckner erwähnt er mit keiner Silbe.

          Kurt Beck

          Doch nach Erdbeben, Tsunami und Reaktorunglück in Japan ist auch in der Landespolitik nicht mehr alles beim Alten. Vor Beginn seiner eigentlichen Rede gedenkt Beck der Opfer in Japan, erinnert an das Leid der „vielen Freunde“ in der rheinland-pfälzischen Partnerregion Iwate. Im Kammerton eines Trauernden und nicht in der Lautstärke eines Wahlkämpfers spricht er das Thema an, das schlagartig alle anderen überlagert hat. Es ist mucksmäuschenstill, als Beck die Stimme noch weiter senkt und den Beschluss der schwarz-gelben Bundesregierung für ein Aussetzen der Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke um drei Monate als verfassungsrechtlich fragwürdig auseinandernimmt: „Wie soll das gehen? Wenn es ein Gesetz gibt, kann man es nicht einfach aussetzen.“ Er erinnert an den rot-grünen Ausstiegsbeschluss aus der Atomkraft, der zu „einer Befriedung der Gesellschaft“ geführt habe. Und er weist auf die Gefahren einer Technik hin, „die im Ernstfall zur Entvölkerung ganzer Landstriche führt“. Für diese im ruhigen, ernsten Ton vorgetragenen Anti-Atom-Passagen gibt es viel Beifall.

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