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Wahlanalyse NRW : Keine Macht mehr am Rhein

Kraft und die SPD profitieren von der Schwäche ihres Gegners

Der Ertrag für die SPD war gleichwohl mager. In absoluten Zahlen unterboten die Sozialdemokraten am Sonntag ihre desaströsen Ergebnisse in den beiden vorangegangenen Bundestagswahlen wie in der zurückliegenden Landtagswahl: Selbst im Mai 2005 und damit in Zeiten höchster Unzufriedenheit mit Rot-Grün in Berlin hatte die Düsseldorfer SPD 400 000 Wähler mehr als am vergangenen Sonntag. Anders gewendet: Mochte die Enttäuschung über fünf Jahre CDU und FDP am Rhein und sieben Monate Schwarz-Gelb in Berlin noch so groß sein, die SPD ist real längst nicht einmal wieder dort, wo sie sich seit dem Wahlabend rhetorisch wähnt.

Denn mag die SPD die längst verloren- geglaubten „kleinen Leute“ wieder auf ihre Seite gezogen und den „Arbeiterführer Rüttgers“ als einen König ohne Land dastehen lassen, die Aussicht, bei Arbeitern, Erstwählern und Rentnern überdurchschnittlich gut abgeschnitten zu haben, kann nicht wirklich trösten.

Denn mit Hochburgen im nördlichen Ruhrgebiet, in Städten mit hoher Arbeitslosigkeit und hohem Ausländeranteil ist und bleibt die SPD eine Partei der Modernisierungsverlierer und der bildungsferneren Schichten – und damit stets gefährdet durch Parteien, die sich wie die Linkspartei sozial- und wirtschaftspolitisch noch fundamentalistischer gebärden als die Sozialdemokraten oder wie die Grünen als urban-aufgeklärte Vorhut einer mit sich und der Natur versöhnten Gesellschaft. An beide Parteien verloren die Sozialdemokraten fast dreimal so viele Wähler, wie sie aus dem bürgerlichen Lager einwerben konnten. Denn die sympathieheischende Spitzenkandidatin Kraft konnte mit Kompetenz und Glaubwürdigkeit nicht punkten. Ihre Stärke war die Schwäche ihres Gegners.

Wechselseitigen Avancen zwischen Schwarz und Grün

So wäre es auch verkehrt, aus der numerischen Dominanz von Rot-Grün eine Renaissance rot-grüner Lagerbildung oder wenigstens rot-grüner Projekte herauszulesen. Umkehrt wird ein Schuh daraus: Womöglich haben sogar die wechselseitigen Avancen von Union und Grünen in Nordrhein-Westfalen dazu geführt, dass die Partei am Sonntag fast genauso viele Wähler mobilisieren konnte wie bei der Bundestagswahl 2009 – und damit fast doppelt so viele wie bei der Landtagswahl im Jahr 2005. „Wie in Hamburg und dem Saarland hat die Offenheit den Grünen nicht geschadet“, sagt der Wahlforscher Richard Hilmer von Infratest-Dimap. Hauptsache, die Grünen finden einen Partner, mit dem sie ein Maximum ihrer inhaltlich-programmatischen Vorstellungen verwirklichen können.

Dass die Grünen nun wohl doch nicht regieren werden, liegt außer an der fast schon historisch zu nennenden Schwäche der Volksparteien an der Linkspartei. Lange Zeit war der Einzug dieser Partei, die in Nordrhein-Westfalen noch sektiererischer ist als andernorts, nicht sicher. Erst mit der Griechenland-Krise wendete sich das Blatt. Sage niemand, die anderen Parteien seien sich in dieser Krise so treu geblieben wie die Linke.

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