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Wahl in Nordrhein-Westfalen : Großer Abstand bei fast gleichem Ergebnis

Dicht beieinander: Jürgen Rüttgers und Hannelore Kraft am Sonntag im Düsseldorfer Landtag Bild: dpa

Die beiden großen Parteien liegen der Stimmenzahl nach praktisch gleichauf, aber im gefühlten Resultat weit auseinander. Dabei wird wohl weder eine schwarz-gelbe noch eine rot-grüne Koalition Wirklichkeit werden.

          Die Parteizentralen von CDU und SPD in Düsseldorf sind tatsächlich nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und doch liegen am Sonntagabend zwischen Christlichen Demokraten und Sozialdemokraten Welten. Beide Parteien haben mit jeweils etwas mehr als 34 Prozent ausgesprochen schlechte Ergebnisse eingefahren. Doch während im Festzelt, das die CDU hinter ihrer Parteizentrale in der Wasserstraße aufgebaut hat, bei den ersten Hochrechnungen nicht einmal ein entsetztes Stöhnen zu hören ist, bricht sich zweihundert Meter entfernt bei der SPD in der Kavalleriestraße Jubel Bahn.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Als die 18-Uhr-Prognose angezeigt wird, skandieren die versammelten Jusos am einen Ende des völlig überhitzten SPD-Zelts „Hannelore, Hannelore, Kraft, Kraft, Kraft“. Am anderen Ende des Zeltes, wo die ZDF-Prognose eingeblendet wird, nach der die SPD sogar vor der Union liegt, höhnen die Kraft-Anhänger bereits: „Schade, Jürgen, alles ist vorbei.“ Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Foto-Finish eines lange Zeit lahmen Landtagswahlkampfes. Als Hannelore Kraft aus dem Sitzungssaal des Landesvorstands zu ihren Wahlkämpfern stößt, hat sie bereits ihr Landesmuttertagslächeln aufgesetzt. „Ich habe einen solchen Wahlkampf noch nicht erlebt“, jubiliert sie. „Nach einer historischen Niederlage sind wir geschlossen geblieben.“ - „Das war nicht einfach.“ Eine Botschaft gehe von Düsseldorf aus, ruft die SPD-Spitzenkandidatin ihren Genossen zu: "Die SPD ist wieder da!"

          Gemessen an den absoluten Mehrheiten von einst, ist freilich auch dieses vielumjubelte Wahlergebnis ernüchternd. Und auch im Vergleich zur vorangegangenen Landtagswahl 2005, als die SPD 37,1 Prozent der Stimmen erhielt und nach vier Jahrzehnten an der Macht aus der Regierung flog, gab es Verluste. Aber das alles zählen die Genossen nun, im Überschwang des Moments, zur fernen und daher auch nicht mehr maßgeblichen Vergangenheit. In der Gegenwart hat Frau Kraft das noch vor wenigen Tagen für unmöglich Gehaltene geschafft: Die SPD hat die Chance, mit ihr die erste Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen zu stellen.

          Daumen hoch: Hannelore Kraft mit dem nordrhein-westfälischen SPD-Generalsekretär Michael Groschek

          Mancher Besucher des CDU-Zelts sieht die Schuldige an dem Debakel in Berlin

          Im Festzelt in der Wasserstraße starren die Parteigänger der CDU derweil stumm auf die Bildschirme. Die CDU ist nicht nur zurück im 30-Prozent-Turm, in dem sie in Nordrhein-Westfalen vor 1958 und zwischen den Jahren 1985 und 2000 gefangen war. Ausgerechnet unter Jürgen Rüttgers, der die Union vor fünf Jahren mit 44,8 Prozent nach 39 langen Jahren an die Macht zurückgeführt hat, muss die CDU im Westen nun mit 34,6 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt hinnehmen. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) steht etwas abseits und spricht über die Sorge, die Rückkehr der CDU in Nordrhein-Westfalen an die Macht könnte nur Episode gewesen sein. Um 18.40 Uhr betritt Ministerpräsident Jürgen Rüttgers durch einen Hintereingang das Festzelt. Mit betretenem Gesichtsausdruck spricht er von einem Bündel von Ursachen des Debakels: „Darüber werden wir noch reden müssen.! Er persönlich trage die Verantwortung für das Ergebnis, „und ich will sie auch tragen“. Gleichwohl bleibt Rüttgers zunächst an der Spitze seiner Partei, da ihn der CDU-Vorstand gebeten hat, für die notwendigen Gespräche zur Verfügung zu stehen. Man stehe in der Verantwortung, dass das Land weiter stabil bleibe.

          Allenthalben bekunden Christliche Demokraten, es sei jetzt nicht die Zeit für Führungsdebatten. Doch sollte die CDU am Ende des langen Wahlabends womöglich nicht wieder stärkste Kraft im Land werden und wäre sie nach nur einer Legislaturperiode nicht mehr an der Macht beteiligt, würde das die Partei in eine heftige Führungskrise stürzen. Mancher Besucher des CDU-Zelts sieht die Schuldige an dem Debakel freilich in Berlin. Wolfgang Schulhoff, der Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf, sagt: "Es hat daran gelegen, dass Frau Merkel nicht regieren kann. Noch nie hat eine Bundesregierung einen so schlechten Start gehabt wie die schwarz-gelbe." Rüttgers habe seine sehr gute Politik für die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen gemacht.

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