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SPD nach Wahlschlappe : Nicht mal mehr auf Augenhöhe

Umfrage zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

, Umfrage von:
Quelle: wahlrecht.de Alle Ergebnisse aus Bund und Ländern

Was wäre jetzt wohl los, wenn Gabriel sich anders entschieden hätte? Wenn er nun der Parteivorsitzende und Kanzlerkandidat gewesen wäre, der zunächst die Niederlage im Saarland und dann jene vom Sonntag in Schleswig-Holstein zu kommentieren hätte? Ersteres wäre kein Problem gewesen, da es ja nur dank jenes rätselhaften Schulz-Effektes zwischenzeitlich so ausgesehen hatte, als könne die SPD an der Saar etwas reißen. Aber Kiel – nach dem öffentlich noch nicht eingestandenen Verlust einer Staatskanzlei? Ein Hauen und Stechen hätte es gegeben. Und eine Personaldiskussion. Eine Woche vor „NRW“. Genau das haben Kraft – und mit ihr Olaf Scholz – kommen sehen und vom vergangenen Sommer an Gabriel in homöopathischen Dosen bearbeitet. Mutmaßlich so homöopathisch, dass er am Ende selbst den Eindruck hatte, er trete aus gänzlich freien Stücken beiseite.

Zumindest das gibt es nun nicht in der SPD: Alle stellen sich schützend vor Schulz. Wie es um die Gemütsverfassung des Kanzlerkandidaten bestellt ist, lässt sich anderen Indikatoren entnehmen. Ein verabredetes Fernsehinterview sagte er am Sonntagabend kurzfristig ab. Auch nahm er am Montag keine Fragen nach der Übergabe des Blumenstraußes an Albig entgegen, sondern zog sich sogleich zurück. Während seines kurzzeitigen Höhenflugs war Schulz ein Strahlemann, der zwar Journalisten, die Konkretes von ihm wissen wollten, aus dem Weg ging, nicht aber dem Kameralicht. Nun, da er nur noch wenig Grund zum Strahlen hat, macht er sich rar.

Glaubte er tatsächlich, er werde den gesamten Wahlkampf über in wohlwollenden Sankt-Martin-Porträts beschrieben? Während in der SPD nun einige jener Leute, die 1998 und 2002 schon erfolgreiche Wahlkämpfe für ihre Partei geführt haben, eingestehen, dass Fehler gemacht würden, dass Schulz stärker an den bundespolitischen Debatten teilnehmen müsse und diese nicht dem Vizekanzler und Außenminister überlassen könne, will das Willy-Brandt-Haus vorsichtig umsteuern: Schulz soll nun auch stärker in Berlin Präsenz zeigen und schrittweise konkreter werden.

Schulz stichelt gegen die Linkspartei

Am Mittag macht er den Anfang. Im Berliner Ludwig-Erhard-Haus der IHK hält er eine wirtschaftspolitische Grundsatzrede. Es ist kein Zufall, dass er damit anfängt. Schulz legt vor den Wirtschaftsvertretern kein Regierungsprogramm vor. Er meidet auch diesmal Details. Kein Spiegelstrich-Wahlkampf, heißt die Devise. Die SPD dürfe nicht in die Falle der politischen Mitbewerber laufen. Doch nutzt Schulz den Auftritt, um nach dem Wahlkampf an der Saar, in dem er und seine Genossen heftig mit der Linkspartei geflirtet hatten, deutlich in eine andere Richtung zu blinken.

Er sehe, sagt Schulz, dass es eine wichtige Frage gebe, die das Publikum umtreibe: „Vielleicht denken Sie: Ja, vieles ist richtig, gut und notwendig, aber kann es am Ende nicht unter diesem Schulz eine Koalition geben, die Deutschland und die meinen Betrieb schaden würde?“ Die Antwort laute: „Nein definitiv nicht!“ Unter seiner Führung werde es nur eine Koalition geben, die pro-europäisch ist und die ökonomische Vernunft walten lässt.“

Das soll hinreichend deutlich sein, um den Anwesenden die Sorgen vor einer Vizekanzlerin Sahra Wagenknecht zu nehmen. Aber auch hinreichend unkonkret, um nicht den Unmut seiner Parteilinken auf sich zu ziehen. Und im Sinne Hannelore Krafts, ein gebranntes Kind in dieser Angelegenheit, ist es auch. Schulz befindet sich vier Monate vor der Bundestagswahl in seiner ersten Krise. Am Sonntag geht es um weit mehr als um die Staatskanzlei in Düsseldorf.

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