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SPD nach Wahlschlappe : Nicht mal mehr auf Augenhöhe

Genauso geht es den Genossen nun, da die Umfragen auf Bundesebene wieder fallen und das, was übrig vom Plus bleibt, nicht ausreicht, um den Landesverbänden zu helfen. Viele Erklärungsversuche und auch ein wenig Metaphysik. Soll heißen: Verdammt! Nicht zu begreifen! Woran liegt es? Nervosität macht sich breit. Die Was-ist-wenn-NRW-auch-schiefgeht-Frage wird auf die Tabuliste gesetzt.

Am Sonntagabend schon kurz nach 19 Uhr verbreitete die Wahlkämpferin Kraft schriftliche Durchhalte-Parolen. Das Ergebnis aus Kiel sei „eine schwere Enttäuschung für die SPD, da gibt es nichts zu beschönigen“, ließ sie mitteilen. Noch vor ein paar Wochen hatten die Genossen im tiefen Westen mit kräftigem Rückenwind aus dem Norden gerechnet. Gewiss wären nach einem Sieg der SPD in Schleswig-Holstein von der Landeszentrale in Düsseldorf Deutungen verbreitet worden, warum ein schönes Ergebnis an der Waterkant zwingend auf ein gutes Abschneiden an Rhein und Ruhr schließen lassen. Und nun das.

Kraft spricht am Montagmorgen, als sie in Herne in ihren Wahlkampfbus steigt und zum nächsten Termin aufbricht, von „speziellen Gegebenheiten vor Ort“, die laut ersten Analysen in Kiel „eine wichtige Rolle gespielt“ hätten. Doch so wie man Wahlen gemeinsam gewinne, verliere man Wahlen auch gemeinsam. Gleichwohl sei das große Nordrhein-Westfalen nicht mit Schleswig-Holstein und schon gar nicht mit dem Saarland vergleichbar. „Außerdem sind wir hier die Herzkammer der Sozialdemokratie, wir können Wahlkampf!“, sagt Kraft.

Beschwörungsformeln. In Herne – und in Berlin. Am Montagmorgen im Präsidiumssaal des Willy-Brandt-Hauses wird das Thema „NRW“ gemieden. Die Runde ist zu groß für vertrauliche Gespräche. Im Zweifel werden Dinge, die es nun zu Justieren gibt, zwischen Kraft und Schulz am Telefon besprochen. So soll Diskretion gewahrt werden. Man ist darum bemüht, jeden Eindruck zu vermeiden, man werde nun hektisch und verfalle in Aktionismus.

Applaus, wie ein warmer Regen

Kurz nach der Sitzung der Parteiführung versammelt man sich im Atrium. Torsten Albig, der aus Kiel angereist ist, wird nun der obligatorische Strauß roter Nelken übergeben. Versteinerte Gesichter auf der Bühne. Es gebe Momente, da sei Applaus wie einer warmer Regen, sagt Schulz. Schon am Sonntagabend hatte er darauf verzichtet, sich die Welt schön zu reden. Das ist nicht seine Art. Er fügt hinzu, die SPD sei eine solidarische Partei, Albig habe tapfer gekämpft. Das freilich klingt bei manchen Sozialdemokraten anders. Da werden Listen heruntergebetet, was Albig alles falsch gemacht habe: Das Interview über seine Noch-Ehefrau zuvörderst, aber auch in der Bildungs- und Flüchtlingspolitik. Doch hier und heute in der Parteizentrale soll Solidarität bekundet werden.

In der Gruppe mit den versteinerten Gesichtern steht auch ein Mann, den man hier länger nicht mehr gesehen hat. Ganz hinten ist tatsächlich Sigmar Gabriel zu sehen, der unmittelbar nach der Entscheidung Ende Januar, auf die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz zu verzichten, sein Büro in der Parteizentrale geräumt und Schulz überlassen hatte. Nun ist er, in dieser schweren Stunde, zurückgekehrt an seine alte Wirkungsstätte. Die Performanz des Außenministers sorgt immer wieder für Gesprächsstoff unter den Genossen. Der Tenor ist ambivalent: So groß das Lob dafür ist, wie Gabriel sich als Diplomat schlage, so groß ist die Zerknirschtheit darüber, dass er und nicht Schulz die Schlagzeilen bestimmt. Das freilich liegt mindestens so sehr am Außenminister wie am Kanzlerkandidaten.

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