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Rot-Grün setzt auf die Gemeinschaftsschule : Ein schulpolitisches Déjà-vu

  • -Aktualisiert am

Gemeinschaftsschule bis zur zehnten Klasse? Schulreformen bergen reichlich Brisanz Bild: picture-alliance/ dpa

Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann verfolgen mit ihrer „Schule der Zukunft“ ein ambitioniertes Projekt, das Erinnerungen an ein Trauma für die Sozialdemokraten weckt. Ohne parlamentarische Mehrheit planen sie in Nordrhein-Westfalen eine bildungspolitische Reformmission: die Gemeinschaftsschule.

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          Von Hannelore Kraft (SPD) und Sylvia Löhrmann (Grüne) heißt es, sie hielten nichts von überhöhten Projekten. Zumindest für die Schulpolitik gilt das allerdings nicht. Da verfolgen die beiden Frauen, die Nordrhein-Westfalen künftig ohne parlamentarische Mehrheit regieren wollen, eine weitgespannte bildungspolitische Reformmission: die Gemeinschaftsschule.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Sowohl im SPD- als auch im Grünen-Wahlprogramm ist sie als „Schule der Zukunft“ angepriesen worden. Dabei erinnert die Idee, Haupt-, Realschulen und Gymnasien zusammenzulegen zunächst vor allem an die Vergangenheit: In den siebziger Jahren gab es einen heftigen ideologischen Kampf um die Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, der wesentlich mit dazu beigetragen hat, dass das Land später in allen Vergleichstests verheerend abschnitt. Gemeinsam mit den Grünen wollen die Sozialdemokraten Nordrhein-Westfalen nun trotzdem noch einmal eine umfassende schulpolitische Gesellschaftsreform verordnen. Das Glaubensbekenntnis im rot-grünen Koalitionsvertrag lautet: „Längeres gemeinsames Lernen macht unser Bildungssystem gerechter und leistungsstärker.“ Allerdings gibt es für die Einführung der Gemeinschaftsschule keine wissenschaftliche Begründung. Darauf haben besorgte sozialdemokratische Schulleiter ihren Landesverband schon 2007 in einem Aufsehen erregenden Brief aufmerksam gemacht.

          Den oft behaupteten automatische Zusammenhang zwischen längerem gemeinsamen Lernen und mehr Gerechtigkeit gibt es nicht, wie auch Pisa-Vergleichstests zeigen. Regelmäßig schneiden in Deutschland Länder mit gegliedertem Bildungssystem am besten ab.

          Seit Jahren kämpft Hannelore Kraft mit der SPD gegen das dreigliedrige Schulsystem

          Und: In den Primarschulen in Belgien oder den Niederlanden geht es nicht „gerechter“ zu als in den vierjährigen Grundschulen in Deutschland. Erst vor kurzem hat der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Jürgen Baumert, mit Blick auf die Hamburger Schulreform in der Zeitschrift „Spiegel“ darauf hingewiesen, dass er „belastbare empirische Evidenz für die Wirkung einer zweijährigen Verlängerung der Grundschule“ nicht kenne.

          Trotzdem setzen SPD und Grüne nun faktisch auf die Verlängerung der Grundschulzeit. In den Gemeinschaftsschulen sollen die Schüler in den Klassen fünf und sechs ohne grundsätzliche Differenzierung nach Neigung und Begabung gemeinsam Unterricht bekommen. Und auch danach ist eine Aufgliederung in Haupt-, Realschul- oder Gymnasialzweig nicht garantiert.

          Integrierte Lernkonzepte, differenzierte Bildungsgänge

          Denn „Schule, Schulträger und Eltern entscheiden darüber, wie es ab Klasse sieben oder später weitergeht: Entweder werden integrierte Lernkonzepte weitergeführt oder es wird nach Bildungsgängen differenziert“, heißt es im rot-grünen Koalitionsvertrag. Vorgezeichnet ist im Rahmen der vermeintlichen Gerechtigkeits-Reform das schleichende Ende des Gymnasiums – der weitaus erfolgreichsten Schulform, die nach den vielen Reformen der Vergangenheit dringend Ruhe brauchte. Denn erst nach Klasse zehn können Schüler von Gemeinschaftsschulen an eine im Koalitionsvertrag als „gymnasiale Oberstufe am Standort“ bezeichnete Sekundarschule, ein „Oberstufenzentrum oder eine Kooperation mit Gesamtschule, Gymnasium oder Berufskolleg“ wechseln.

          Vordergründig geben sich SPD und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag konziliant: „Wir wollen versuchen, mit allen Fraktionen und allen beteiligten Akteurinnen und Akteuren einen Konsens in der Schulpolitik zu erzielen.“ Nur ein paar Zeilen weiter findet sich allerdings ein unmissverständlicher schulpolitischer Fünf-Jahresplan: „Es ist unser Ziel, in den nächsten fünf Jahren mindestens 30 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in der Sekundarstufe I zu Gemeinschaftsschulen umzuwandeln.“

          „Zusammenfügung der Bildungsgänge nicht aufzuhalten“

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