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NRW-Wahl : Eine Doppelpressekonferenz namens Fernsehduell

Nein, Daumen runter: Das Duell war eher eine Pressekonferenz Bild: ddp

Von wegen „Fernsehduell“: Über weite Strecken langweilten NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft mit ausgestanzten Versatzstücken aus Wahlkampfauftritten und Parteiprogrammen. Erst beim Thema Koalitionsoptionen wurde es spannend.

          Natürlich hieß auch die Veranstaltung, zu der der Westdeutsche Rundfunk die beiden Spitzenkandidaten für die nordrhein-westfälische Landtagswahl am Montagabend in die Kölner Vulkanhalle eingeladen hat „Das Duell“. Schließlich klingt „Das Duell“ nach Konflikt, Spannung und spontanem Ringen um das bessere Argument. Aber auch dieses Fernsehduell in der einzigen Landtagswahl in diesem Jahr, die allein deshalb schon große bundespolitische Bedeutung hat, weil sich am 9. Mai entscheidet, ob Union und FDP ihre knappe Mehrheit im Bundesrat verteidigen können, führte natürlich wieder nicht zu einer echten Debatte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Und auch diesmal ist wieder nicht davon zu berichten, dass einer der Duellanten an Äußerlichkeiten gescheitert sei, wie seinerzeit angeblich der ungeschminkte Richard Nixon gegen den sonnengebräunten John F. Kennedy. Aber das ist ja, wie man längst weiß, sowieso nur ein Mythos der Mediengeschichte. Rein äußerlich gaben sich die Duellanten in Köln jedenfalls keine Blöße: SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft trug einen pinkfarbenen Blazer im Angela-Merkel-Look, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) einen dunklen Anzug mit blauer Krawatte. Nur nichts falsch machen, hieß in beiden Lagern eben schon bei der Kleiderwahl die Parole.

          Ausgestanzte Versatzstücken

          Dass das Kölner Fernsehduell vom Montagabend nicht als wahlentscheidend in die Geschichte eingehen wird hat auch mit WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn und seiner Ko-Moderatorin Gabi Ludwig zu tun, die die SPD-Landesvorsitzende und den Ministerpräsident nicht konsequent ins Kreuzverhör nahmen. Über weite Strecken war „Das Duell“ eher eine Doppel-Pressekonferenz mit ausgestanzten Versatzstücken aus unzähligen Wahlkampfauftritten und den Parteiprogrammen der beiden Kontrahenten, die merkwürdigerweise nebeneinander standen in der Weite der Kölner Vulkanhalle. Wollten sie einander direkt ansprechen, mussten sie sich erst zueinander drehen. Kann ein solches Duell anders als unentschieden ausgehen?

          Von Griechenland bis Gesamtschule: Hannelore Kraft und Jürgen Rüttgers diskutieren im Fernsehduell landes- und bundespolitische Themen

          Wenig Erhellendes förderte die schon die Eingangsfrage zu den Finanzhilfe für Griechenland zu Tage, die offensichtlich aktuelle Würze in das schwierige Format bringen sollte. Was Frau Kraft dazu zu sagen hatte, fiel nicht weiter ins Gewicht. Und komischerweise ohne Intervention der Moderatoren blieb, dass Rüttgers nicht auf die Frage antwortete, was er denn über die ablehnende Haltung seines Koalitionspartners Andreas Pinkwart (FDP) zu Griechenland-Hilfen denke. Aus unzähligen Zeitungs-Interviews alt bekannte Positionen tauschten Frau Kraft und Rüttgers dann beim Thema Arbeit und Soziales aus. Die SPD-Spitzenkandidatin warb für den Mindestlohn, Rüttgers, von Frau Kraft einmal versehentlich als „Herr Minister“ angesprochen, lehnte das ab und lobte sich für seinen Kampf um eine Grundrevision von Hartz IV.

          Rüttgers warnte vor einer „Einheitsschule“

          Beim Thema Bildung hielten sich die beiden Kandidaten diverse Zahlen vor. Rüttgers erinnerte daran, dass seine schwarz-gelbe Regierung seit 2005 8000 Lehrerstellen geschaffen habe, während unter Rot-Grün noch 16.000 Stellen hätten abgebaut werden sollen. Frau Kraft führte ebenso abermals ins Feld, Stellen seien noch keine Lehrer. Sie warb für eine Gemeinschaftsschule, damit kein Kind zurückbleibe. Rüttgers dagegen warnte vor einer „Einheitsschule“, die zur Schließung von Gymnasien, Haupt- und Realschulen und einem Schulkrieg in Nordrhein-Westfalen führe.

          Erst beim Thema Koalitionsoptionen kam es zu einem längeren Schlagabtausch zwischen den Kontrahenten. Rüttgers beteuerte, die Koalition mit der FDP fortführen und nicht mit den Grünen zusammenarbeiten zu wollen. Frau Kraft schloss ein Bündnis mit der Linkspartei in den ebenfalls von ihr viele Dutzende Male zuvor schon geäußerten Worten („die Linke ist weder regierungs- noch koalitionsfähig“) abermals nicht kategorisch aus. Als Gabi Ludwig und Jörg Schönenborn nachhakten, versicherte Frau Kraft man solle sich keine Sorgen machen. Und als Ministerpräsident Rüttgers kommentierte, es sei klar geworden, dass die SPD-Kandidatin die Tür zur Linkspartei offen gelassen habe, entgegnete Frau Kraft, Rüttgers rede die Linke in das Parlament hinein, um an der Macht zu bleiben. Das sei eine perfide Strategie.

          Holzschnittartige Interpretationshilfen

          Zu den merkwürdigen Ritualen von Fernsehduellen gehört, dass Parteigänger umgehend ihre holzschnittartigen Interpretationshilfen für deutungsschwache Journalisten abgeben. Noch bevor Frau Kraft und Rüttgers ihre Schlussstatements über die angebliche Richtungsentscheidung am 9. Mai (Frau Kraft) oder die Notwendigkeit Nordrhein-Westfalen stabil zu halten (Rüttgers) in die Kamera gesprochen hatten, ließ die Spitzenkandidatin der Grünen, Sylvia Löhrmann, wissen: „Kraft hat die Nase vorn, weil sie für ein anderes Gesellschaftsmodell steht.“ Wenn es um das Ende der Subvention für die Steinkohleförderung gehe, habe allerdings Rüttgers recht.

          CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid dagegen war sich nur Sekunden später sicher: „Klarer Punktsieg für Jürgen Rüttgers.“ Um 22.42 Uhr verbreitete schließlich sein Amtskollege von der SPD, Michael Groschek, die Überzeugung: „Hannelore Kraft hat das TV-Duell gegen Jürgen Rüttgers eindeutig für sich entschieden.“ Die vielgescholtene Linkspartei wiederum kommentierte um kurz vor 23 Uhr: „Hannelore Kraft ist unglaubwürdig und Jürgen Rüttgers ein Feudalherr.“

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