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Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen : Ein Zittern an der Ruhr

Hannelore Kraft, 1961 in Mülheim an der Ruhr zur Welt gekommen, hat sich zäh nach oben gearbeitet. Ihr Vater war Straßenbahnfahrer, ihre Mutter Schaffnerin. 1980 machte sie Abitur. Als erstes Mädchen in der weitläufigen Familie. Es folgte eine Banklehre und schließlich ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Danach war sie gut zehn Jahre als Unternehmensberaterin tätig.

Eine merkwürdige Laune der Geschichte

Anders als Frau Kraft beginnt Rüttgers früh, an seiner politischen Karriere zu arbeiten. Er geht in die Junge Union, wird Ratsmitglied in Pulheim. Nach seinem Jurastudium, das er mit der Promotion abschließt, wird er Referent beim Städte- und Gemeindebund. 1987 zieht er in den Bundestag ein, wird 1991 erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion, drei Jahre später ernennt ihn Helmut Kohl zum „Zukunftsminister“. Der erste große Karriereknick ist 1998 Kohls Abwahl. Rüttgers lässt sich auf die abenteuerliche Mission ein, die daniederliegende nordrhein-westfälische CDU zu führen und die sozialdemokratische Hegemonie zwischen Rhein und Weser zu brechen. Beinahe gelingt es schon im ersten Anlauf vor zehn Jahren, doch dann kommt ihm unter anderem die CDU-Spendenaffäre dazwischen. Ein anderer Karriere-Rückschlag ist für ihn die Wahl der ostdeutschen evangelischen Pfarrerstochter Angela Merkel zur CDU-Bundesvorsitzenden. Für den rheinischen Katholiken ist das eine merkwürdige Laune der Geschichte. Seine Union ist die CDU Adenauers und Kohls. In ihrem Sinne fühlt er sich zu Höherem berufen.

Im Frühjahr 2000 beginnt derweil der Blitzaufstieg Hannelore Krafts. Sie erringt ein Landtagsmandat. Knapp ein Jahr später macht Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) sie zur Europaministerin. Unter seinem Nachfolger Peer Steinbrück (SPD) ist sie bis zur Abwahl der rot-grünen Landesregierung im Mai 2005 für das Wissenschaftsressort zuständig. Danach wird sie Fraktionsvorsitzende. Als ihr der Parteivorsitz zufällt, stellt sie selbstbewusst eine Bedingung, bevor sie zugreift: Soll ich führen, müsst ihr mich gleich auch zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2010 machen.

Ein politisches Fliegengewicht

Lange wirkt Frau Kraft gefangen in alten Loyalitäten. Zum zentralen sozialdemokratischen Trauma Hartz IV ist zunächst kaum etwas von ihr zu hören, während sich Rüttgers mit seiner Forderung nach einer „Grundrevision“ als Arbeiterführer und Sozialstaatsapostel profilieren kann. Als sie schließlich im März per Interview einen gemeinwohlorientierten Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose fordert, vergisst sie das Wort „freiwillig“ und wundert sich dann, dass ihre Vorschläge mit der Forderung des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle verglichen werden, Hartz- IV-Empfänger sollten Schnee schippen.

Noch bis vor kurzem gaben selbst Genossen der Spitzenkandidatin nicht den Hauch einer Chance. Den Tiefpunkt markierte die Bundestagswahl 2009. In ihrem einstigen Kernland Nordrhein-Westfalen holten die Sozialdemokraten Ende September nur noch 28,5 Prozent. Und dass Frau Kraft im November zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt wird, ändert zunächst nichts an der gehässigen Einschätzung von Parteifreunden, sie sei ein politisches Fliegengewicht. Die SPD-Spitzenkandidatin ist eine lang Unterschätzte. Wie Angela Merkel.

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