https://www.faz.net/-gpf-16htz

Hannelore Kraft : Strukturwandel einer Kandidatin

  • -Aktualisiert am

Hannelore Kraft bei einer Wahlkampfveranstaltung in Aachen Bild: REUTERS

Die Herausforderin von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen hat gelernt, die sozialdemokratische Erzählung zu verkörpern. In den Umfragen hat Hannelore Kraft gewaltig aufgeholt.

          Hannelore Kraft sitzt in einem roten Sessel auf der Bühne. Die SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat zur ihrer Talk-Reihe „Von Mensch zu Mensch“ geladen. Es ist eine Gratwanderung. Denn eigentlich will die 48 Jahre alte Sozialdemokratin der Öffentlichkeit möglichst wenig Privates preisgeben. Sie ist kaum weniger misstrauisch als Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), der Mann, den sie herausfordert. Aber im Wahlkampf gilt es, den eigenen Lebensweg als Teil der großen sozialdemokratischen Erzählung zu deuten, als eine Geschichte aus „NRW“, die in einer ganz normalen Arbeiterfamilie aus dem Ruhrgebiet begann.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Also hat die SPD eine Art Programmheft zur Talk-Reihe mit dem Titel „Hannelore Kraft. NRW im Herzen“ drucken lassen, in der die Kandidatin von ihren Eltern berichtet, die bei der Straßenbahn in Mülheim an der Ruhr arbeiteten. Auch ist Frau Kraft als Kind auf ihrer Lieblingsschaukel zu sehen, als junge Frau auf Reisen oder in London, wo sie ein Jahr lang studierte. Und natürlich fehlt ein Foto von der Hochzeit oder ein Urlaubsbild mit Mann, Sohn und Hund nicht. So viel Home-Story muss schon sein.

          Aber sonst spricht die Sozialdemokratin lieber über ihren ganz persönlichen Aufstieg durch Bildung bis hinauf in Welten, wo noch immer Männer dominieren. Stets versucht die SPD-Kandidatin aus ihrer eigenen Biographie politische Botschaften abzuleiten. „Ohne die SPD hätte ich weder Abitur gemacht noch studiert“, heißt es im Programmheft zur Talk-Show. Trotzdem trat Frau Kraft erst mit 33 in die Partei ein. Die sozialdemokratische Ochsentour blieb der Diplomökonomin erspart.

          Straßenwahlkampf: Rüttgers gegen Kraft

          Im Frühjahr 2000 begann Frau Krafts politische Blitzkarriere, als sie in ihrer Heimatstadt Mülheim ein Landtagsmandat errang. Schon im Jahr darauf machte sie Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) zur Europaministerin. Unter dessen Nachfolger Peer Steinbrück (SPD) führte sie bis zur Abwahl der rot-grünen Landesregierung im Mai 2005 das Wissenschaftsressort. Der Verlust der Vorherrschaft im Land nach beinahe vier Jahrzehnten war für die Sozialdemokratie ein tiefer Einschnitt - für die politisch spätberufene Kraft entpuppte er sich als Chance. Denn nach dem Debakel stieg sie, ohne sich noch gegen männliche Konkurrenz durchsetzen zu müssen, nicht nur zur Fraktionsvorsitzenden auf. Anfang 2007 übernahm sie auch die Führung des mit Abstand mächtigsten Landesverbands der SPD und sicherte sich zugleich die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2010. „Wir setzen in NRW nicht auf Platz, wir setzen auf Sieg“, sagte sie damals selbstbewusst.

          Allerdings gaben selbst Genossen ihrer Spitzenkandidatin, die im Dezember auch noch zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt wurde, bis vor kurzem nicht den Hauch einer Chance. Personell wie inhaltlich zu ausgezehrt ist die Partei. Nachhaltig schien das Hartz-Trauma gerade im Industrieland „NRW“ zu wirken. Zumal Frau Kraft stets loyal die Agenda-Politik verteidigte. Während der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) für eine „Grundrevision“ von Hartz IV trommelte und damit sein Profil als „Arbeiterführer“ zunächst erfolgreich schärfen konnte, hielt sich Frau Kraft auffällig zurück. Dann erwies sich abermals ein Debakel als Chance für die Sozialdemokratin. Nur noch 28,5 Prozent errang die SPD bei der Bundestagswahl Ende September selbst in ihrem einstigen Kernland „NRW“. Doch seit dem Ende der großen Koalition in Berlin kann Frau Kraft viel freier auftreten und wählt dazu eine Doppelstrategie aus Praxis und Theorie.

          SPD als „Kümmererpartei“

          Weitere Themen

          Und der Verlierer ist…

          Streit um von der Leyen : Und der Verlierer ist…

          Für die SPD ist die Lage vertrackt: Entweder sie verrät eigene Überzeugungen oder hat eine Verfassungskrise in Europa zu verantworten. Die CDU kann davon nur profitieren und erhöht weiter den Druck auf die Genossen.

          Weiter Weg zum Klimaschutzgesetz Video-Seite öffnen

          Schulze fordert Maßnahmen : Weiter Weg zum Klimaschutzgesetz

          Zwar zeichnet sich ein Grundkonsens des Klimakabinetts ab, den CO2-Ausstoß höher zu belasten, allerdings herrscht noch Uneinigkeit über den Zeitpunkt. Vor allem der Verkehrssektor bereitet Sorgen.

          Topmeldungen

          737 Max : Flugverbot kostet Boeing Milliarden

          Der amerikanische Konzern stellt sich nach den Abstürzen der 737-Max-Maschinen auf hohe Entschädigungen ein. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Doch die Investoren goutieren die Klarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.