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Nordrhein-Westfalen : Der aufgemotzte Tür-zu-Tür-Wahlkampf der CDU

Digitale Helfer beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf der CDU Bild: Reiner Burger

Für jeden Wähler die richtige Strategie? Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mobilisieren die Christdemokraten ihre Wähler gezielt mit Hilfe einer App. Vor der Haustür bleiben die Kandidaten trotzdem analog. Das hat schon einmal gut funktioniert.

          Es ist ziemlich mieses Wahlkampfwetter, kalt und windig. Aber Marco Schmitz lässt sich die Laune nicht verderben. Auf dem Parkplatz der Bierkneipe „Brauereiausschank“ im Düsseldorfer Zooviertel gibt er vor dem Wahlkampfmobil seinen neun Helferinnen und Helfern von der Jungen Union letzte Anweisungen im Umgang mit der neuesten Wahlkampftechnik.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Schmitz, der am Sonntag als Direktkandidat der CDU im Düsseldorfer Osten den Sprung in den Landtag schaffen will, setzt das Programm „Connect17“ ein. Mit dessen Hilfe können Wahlkämpfer sehen, wo ihre potentiellen Anhänger wohnen, und so ihre Haustüraktionen optimieren. Das Programm basiert auf den Ergebnissen früherer Wahlen und Adressdaten, die die CDU bei einem Dienstleister gekauft hat, hinzu kommen weitere soziodemographische Informationen.

          Tragende Säule der CDU-Kampagne

          „Auf dieser Grundlage wissen wir, in welchen Straßenzügen die Wahrscheinlichkeit über 60 Prozent liegt, dass wir auf Leute stoßen, die CDU wählen“, sagt Schmitz und zeigt seinen Helfern auf einem Tabletcomputer eine Karte des Zooviertels. In mehreren Straßen gibt es besonders viele blaue Fähnchen. Jedes davon steht für einen CDU-affinen Anwohner. „Auf diese Straßen konzentrieren wir uns“, sagt Schmitz. Dann schwärmen er und seine Helfer aus.

          Gerade in der letzten heißen Phase eines Wahlkampfs kommt es für die Parteien darauf an, ihre Anhänger zu mobilisieren. Einen eingefleischten Sozialdemokraten wird man dann nicht mehr von CDU-Ideen überzeugen können. Nur schnell an die Wahl erinnern, einen Flyer überreichen, einen schönen Tag wünschen – ein mit Daten aufgemotzter Tür-zu-Tür-Wahlkampf, das ist die Idee der „Connect17“-Strategie.

          CDU-Wahlkampf: Eine App soll zum Sieg in Nordrhein-Westfalen verhelfen

          Sie hat im Saarland sehr gut funktioniert, wo die Kandidaten an 75.000 Türen klingelten, also beinahe jeden fünften saarländischen Haushalt erreichten und die CDU so sehr viele ihrer Wähler mobilisierte. Wo es viele Hausbesuche gab, schnitt die CDU auch besser ab. Auch bei der Wahl in Schleswig-Holstein gingen viele Kandidaten so vor.

          Die Parteizentrale stellte zwar die Technik, für diese Form des Wahlkampfes musste sich aber jeder der Kandidaten selbst entscheiden. Sie organisierten selbst Helfer, bei Bedarf wurden aber auch aus der Hauptstadt Freiwillige im Bus in den Norden zur Unterstützung gefahren. An insgesamt 65.540 Türen klopften sie laut Parteiangaben während des Wahlkampfs im Norden.

          Die auf dem Bundesparteitag in Essen im Dezember vorgestellte App „Connect17“ sei eine tragende Säule der CDU-Kampagne gewesen, heißt es von der Partei. Allein Daniel Günther, der zuvor eher unbekannte, nun strahlende Sieger von Kiel, erreichte so laut Partei 2500 Menschen zwischen Tür und Angel. 51.000 Bürger, die bei der vergangenen Landtagswahl nicht wählen waren, entschieden sich nun für die CDU. Ihr ist es von allen Parteien am besten gelungen, potentielle Wähler zu tatsächlichen Wählern zu machen. Im Saarland war es ähnlich.

          Die Helfer sollen auf alles vorbereitet sein

          Marco Schmitz macht diesmal zusammen mit Philippa Gerling in der Clara-Viebig-Straße in Düsseldorf Wahlkampf. Es ist ein ziemlich mühsames Geschäft. An Haus Nummer 1 öffnet niemand. Als Schmitz den zweiten Knopf auf der Klingelknopfleiste drückt, meldet sich immerhin ein Mann an der Gegensprechanlage. Schmitz fragt, ob er sein Faltblatt in den Briefkasten legen dürfe. Er darf.

          Ein erster Erfolg, den Gerling, wie zuvor auch den Misserfolg, umgehend in einer App protokolliert. Diesmal kreuzt sie „männlich“ an, schätzt das Alter auf Ende dreißig. In der Rubrik „Meinung von der CDU“ drückt sie den Smiley „neutral“. Die Hausbesuche taugen nur als Wahlkampfmittel, wenn sie schnell gehen. Ein bis zwei Minuten sind für jeden Besuch eingeplant.

          An vielen Orten in Deutschland gab es schon Seminare zur Vorbereitung. Im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Zentrale in Berlin, haben die „Connect17“-Leute rund um den Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Conrad Clemens, eine halbe Etage zur Verfügung gestellt bekommen. Dort spricht man sich mit Vornamen an, und es sieht ein bisschen nach Start-up-Unternehmen aus, mit großen Bildschirmen und niedrigen Hockern. Dazwischen steht eine Holztür, Hausnummer 17, an der geübt werden kann. Merkel-Fan oder Wutbürger – auf alles sollten die Helfer vorbereitet sein.

          Mit den Methoden, die mittlerweile in Amerika beim Wahlkampf angewandt werden, hat „Connect17“ nichts zu tun. Im Präsidentschaftswahlkampf hatte Donald Trump die Dienste einer Marketingfirma in Anspruch genommen, die massenweise Facebook-Daten auswertet. Die CDU setzt zwar das sogenannte Targeting ein, schaltet also zielgruppengenaue Werbung über Plattformen wie Facebook; auf die meisten anderen Dinge, die man aus Amerika kennt, verzichtet man aber hierzulande. Denn vieles ist in Deutschland nicht erlaubt, außerdem wäre es zu teuer.

          „Bei uns ist das kein Big Data, und es wird wegen der strengen Datenschutzauflagen auch Gott sei Dank nie den gläsernen Wähler geben“, sagt Schmitz. Man nutze die Möglichkeiten der Digitalisierung nur, um effektiver zu werden als früher, wo alles von Hand in Listen eingetragen werden musste. Äußerst mühsam sei das gewesen und extrem fehleranfällig. „Nun können wir mit Hilfe von ‚Connect17‘ unsere Einsätze von Wahlkampf zu Wahlkampf zielgenauer steuern. Denn jede neue eingepflegte Information verbessert das Programm.“

          Besser werden müsse man schon deshalb, weil Wahlkämpfe immer kürzer seien, ein erheblicher Teil der Leute sich immer später entscheide, wo er sein Kreuzchen mache, sagt Schmitz. „Als Wahlkämpfer hat man also immer weniger Zeit, man muss sich deshalb auf seine potentiellen Anhänger konzentrieren.“ Denkbar ist, dass das Programm noch weiterentwickelt wird. Etwa könnte man in Echtzeit analysieren, welche Themen die Wähler gerade besonders interessieren.

          Bis zur Wahl an 5000 Türen geläutet haben

          Die Mobilisierung bleibe trotz des digitalen Fortschritts weitgehend analog. „Es geht nichts über persönliche Ansprache“, sagt Schmitz, als er einige Häuser weiter klingelt. Es öffnet ein älterer Herr, der sich sehr über den Besuch freut. Er nimmt das Faltblatt gerne entgegen und gibt sich dann auch noch als CDU-Mitglied zu erkennen. Diese Stimme hat Schmitz also schon mal sicher.

          War die CDU beim Bundestagswahlkampf vor vier Jahren noch nach der Devise „asymmetrische Demobilisierung“ verfahren, wollte also verhindern, dass die Anhänger der Gegenseite zur Wahl gehen, reicht das heute nicht mehr. Die CDU muss an ihre eigenen Leute ran. Mit einer ähnlichen Anwendung wie „Connect17“ waren Wahlhelfer auch schon beim Oberbürgermeisterwahlkampf in Oberhausen unterwegs.

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          Überall dort, wo die CDU-Wahlhelfer dank der elektronischen Unterstützung besonders effektiv Haustür-Wahlkampf betrieben, schnitt ihr Kandidat mindestens zwei Prozentpunkte besser ab als im Stadtschnitt. Am Ende gelang der Partei die Sensation: Nach 60 Jahren wurde in Oberhausen wieder ein CDU-Politiker Oberbürgermeister.

          An rund 4300 Türen haben Schmitz und seine Wahlhelfer in den vergangenen Tagen geklingelt. Rund 1634 Leute haben ihnen geöffnet. Trafen sie niemanden an, dann haben die Wahlhelfer die Faltbroschüren mit einer Visitenkarte versehen. „Wenn Sie Fragen haben, können Sie mich gerne kontaktieren“, hat Schmitz in seiner Handschrift auf die Rückseite drucken lassen.

          Die Leute vom Schmitz-Team wollen bis zur Wahl an 5000 Türen geläutet haben. Für jeden Kontakt bekommen die Helfer 50 virtuelle Punkte. Wer es unter die zehn fleißigsten „Connect17“-Benutzer schafft, erhält einen Anruf der CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel. „Es ist ein bisschen wie ein Handy-Spiel“, gibt Schmitz zu. „Wir nutzen den Spieltrieb, aber die jungen Leute sind natürlich alle von meinen Kandidatenqualitäten überzeugt.“

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