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Nordrhein-Westfalen : Der aufgemotzte Tür-zu-Tür-Wahlkampf der CDU

An vielen Orten in Deutschland gab es schon Seminare zur Vorbereitung. Im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Zentrale in Berlin, haben die „Connect17“-Leute rund um den Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Conrad Clemens, eine halbe Etage zur Verfügung gestellt bekommen. Dort spricht man sich mit Vornamen an, und es sieht ein bisschen nach Start-up-Unternehmen aus, mit großen Bildschirmen und niedrigen Hockern. Dazwischen steht eine Holztür, Hausnummer 17, an der geübt werden kann. Merkel-Fan oder Wutbürger – auf alles sollten die Helfer vorbereitet sein.

Mit den Methoden, die mittlerweile in Amerika beim Wahlkampf angewandt werden, hat „Connect17“ nichts zu tun. Im Präsidentschaftswahlkampf hatte Donald Trump die Dienste einer Marketingfirma in Anspruch genommen, die massenweise Facebook-Daten auswertet. Die CDU setzt zwar das sogenannte Targeting ein, schaltet also zielgruppengenaue Werbung über Plattformen wie Facebook; auf die meisten anderen Dinge, die man aus Amerika kennt, verzichtet man aber hierzulande. Denn vieles ist in Deutschland nicht erlaubt, außerdem wäre es zu teuer.

„Bei uns ist das kein Big Data, und es wird wegen der strengen Datenschutzauflagen auch Gott sei Dank nie den gläsernen Wähler geben“, sagt Schmitz. Man nutze die Möglichkeiten der Digitalisierung nur, um effektiver zu werden als früher, wo alles von Hand in Listen eingetragen werden musste. Äußerst mühsam sei das gewesen und extrem fehleranfällig. „Nun können wir mit Hilfe von ‚Connect17‘ unsere Einsätze von Wahlkampf zu Wahlkampf zielgenauer steuern. Denn jede neue eingepflegte Information verbessert das Programm.“

Besser werden müsse man schon deshalb, weil Wahlkämpfe immer kürzer seien, ein erheblicher Teil der Leute sich immer später entscheide, wo er sein Kreuzchen mache, sagt Schmitz. „Als Wahlkämpfer hat man also immer weniger Zeit, man muss sich deshalb auf seine potentiellen Anhänger konzentrieren.“ Denkbar ist, dass das Programm noch weiterentwickelt wird. Etwa könnte man in Echtzeit analysieren, welche Themen die Wähler gerade besonders interessieren.

Bis zur Wahl an 5000 Türen geläutet haben

Die Mobilisierung bleibe trotz des digitalen Fortschritts weitgehend analog. „Es geht nichts über persönliche Ansprache“, sagt Schmitz, als er einige Häuser weiter klingelt. Es öffnet ein älterer Herr, der sich sehr über den Besuch freut. Er nimmt das Faltblatt gerne entgegen und gibt sich dann auch noch als CDU-Mitglied zu erkennen. Diese Stimme hat Schmitz also schon mal sicher.

War die CDU beim Bundestagswahlkampf vor vier Jahren noch nach der Devise „asymmetrische Demobilisierung“ verfahren, wollte also verhindern, dass die Anhänger der Gegenseite zur Wahl gehen, reicht das heute nicht mehr. Die CDU muss an ihre eigenen Leute ran. Mit einer ähnlichen Anwendung wie „Connect17“ waren Wahlhelfer auch schon beim Oberbürgermeisterwahlkampf in Oberhausen unterwegs.

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Überall dort, wo die CDU-Wahlhelfer dank der elektronischen Unterstützung besonders effektiv Haustür-Wahlkampf betrieben, schnitt ihr Kandidat mindestens zwei Prozentpunkte besser ab als im Stadtschnitt. Am Ende gelang der Partei die Sensation: Nach 60 Jahren wurde in Oberhausen wieder ein CDU-Politiker Oberbürgermeister.

An rund 4300 Türen haben Schmitz und seine Wahlhelfer in den vergangenen Tagen geklingelt. Rund 1634 Leute haben ihnen geöffnet. Trafen sie niemanden an, dann haben die Wahlhelfer die Faltbroschüren mit einer Visitenkarte versehen. „Wenn Sie Fragen haben, können Sie mich gerne kontaktieren“, hat Schmitz in seiner Handschrift auf die Rückseite drucken lassen.

Die Leute vom Schmitz-Team wollen bis zur Wahl an 5000 Türen geläutet haben. Für jeden Kontakt bekommen die Helfer 50 virtuelle Punkte. Wer es unter die zehn fleißigsten „Connect17“-Benutzer schafft, erhält einen Anruf der CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel. „Es ist ein bisschen wie ein Handy-Spiel“, gibt Schmitz zu. „Wir nutzen den Spieltrieb, aber die jungen Leute sind natürlich alle von meinen Kandidatenqualitäten überzeugt.“

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