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AfD in Nordrhein-Westfalen : Wenigstens dagegen

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Ihre Themen verfangen in Nordrhein-Westfalen bislang nicht recht: der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende Marcus Pretzell und seine Ehefrau, die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry, Ende April in Düsseldorf Bild: dpa

Kurz vor der Wahl dümpelt die AfD in den Umfragen in Nordrhein-Westfalen so vor sich hin. Mit welchen Themen wirbt sie – und woran liegt es, dass sie nicht verfangen?

          An der Wand hängt Willy Brandt, elf Mal insgesamt. Er schaut zu, während Guido Reil über die SPD spricht. 27 Jahre war er Mitglied, jetzt sagt Reil: „Diese Partei ist das Verlogenste, was man sich vorstellen kann.“ Johannes Rau würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen könnte, was „Kraft und Co“ heute machten, sagt Reil. Das Publikum, sonst eher verhalten, klatscht laut. Etwa 200 Leute sind zum Informationsabend der AfD Bottrop in die Aula der Willy-Brandt-Gesamtschule gekommen, einige Plätze sind frei geblieben. Später werden Frauke Petry, die Bundessprecherin der Partei, und Marcus Pretzell, ihr Ehemann und Spitzenkandidat in NRW, auftreten. Um was es in allen Reden an diesem Abend geht, ist Abgrenzung: zu den Grünen, der FDP, der CDU und den „hasserfüllten Demonstranten“ vor der Tür, die für ein „buntes Bottrop“ werben.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Die AfD werde, das verspricht Pretzell später, „die einzige echte Opposition im Landtag“ sein. Doch bis auf genau dieses „dagegen“ ist im Moment nicht viel mit der Protestpartei. Zwei Tage vor der Landtagswahl bewegt sie sich in den Umfragewerten zwischen sechs und neun Prozentpunkten. Der Einzug in das Landesparlament gilt als mehr oder weniger sicher, aber das Ergebnis bleibt wohl weit entfernt von dem in anderen Ländern, wo man zwei bis drei mal so hohe Werte holte – vor allem: Gerade vom bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen mit Ruhrgebietsstädten wie Gelsenkirchen oder Bottrop hat man sich mehr erhofft.

          Draußen stehen vielleicht 300 Gegendemonstranten auf einer Wiese, sie verhalten sich friedlich, singen, auf einer kleinen Bühne werden Reden gehalten. Hier sind deutlich mehr Menschen als in der Aula, wo Marcus Pretzell jetzt auf die Bühne tritt, hellblaues Hemd, Jeans, Sakko. „Wir sind so gefährlich, dass jede unserer Veranstaltungen eine Gegendemo hat“, sagt er und erinnert an den Parteitag in Köln vor wenigen Wochen, wo Tausende gegen die Partei auf die Straße gegangen sind. „Wir wollen dieses Land umbauen“, deshalb sei man gefährlich. „Wissen Sie für wen? Für die Regierenden.“ 

          Der Funke springt nicht über

          Pretzell ist kein mitreißender Redner, ein Funke springt nicht so recht über. Später versucht er Armin Laschet zu imitieren, macht sich dafür etwas kleiner und wackelt mit dem Kopf. „Und wenn er während der TV-Debatte etwas sagen wollte, stellte er sich auf die Fußspitzen“, sagt Pretzell über den CDU-Spitzenkandidaten. An anderer Stelle versucht er Laschet als Cowboy zu veralbern, der jetzt die Grenzen schützen will. Dazwischen stellt er immer wieder programmatische Forderungen vor. Alles zusammen wirkt wie eine Kleinkunstnummer, bei der die Grenzen zwischen Sarkasmus und ernster Forderung oft nicht so recht deutlich werden. Einmal fügt Pretzell deshalb auch an: „Das war ironisch.“

          „Wir sind so gefährlich, dass jede unserer Veranstaltungen eine Gegendemo hat“: Marcus Pretzell

          Während Pretzell über Wirtschaftspolitik redet, ruft ein angetrunkener Mann mit Rollator, eine Flasche Grafenberg Export in der Hand: „Du machst dich lächerlich.“ Der AfD-Mann geht darauf nicht ein. Andere Teilnehmer verlassen die Aula und trinken ihr Bier auf dem Schulhof. „Zieht sich ganz schön“, sagt einer. Ein anderer trägt ein T-Shirt der verbotenen „Oldschool Society.“

          Manches klingt moderat

          Pretzell spricht über Schulpolitik. Er will, wie auch andere Parteien in NRW, eine Abschaffung des G8-Abiturs und dazu zurückkehren, dass Schüler nach neun Jahren ihre Hochschulreife ablegen. Im 82-seitigen Wahlprogramm nehmen die Themen Bildung und Familie viel Raum ein. Offensiv bezeichnet sich die Partei in NRW als „Familienpartei“ und Pretzell verweist darauf, dass er selbst Vater von vier Kindern sei. In der „Wahlarena“, einer TV-Debatte des WDR, wurde er gefragt, wie er seine Kinder habe betreuen lassen. Alle vier, sagte der Spitzenkandidat der AfD, seien in Fremdbetreuungen gewesen. Dass das den Forderungen der AfD im Land widerspricht, darauf wies ihn erst die Moderatorin hin. Statt des Ausbaus der U3-Betreuung halte man es für „wünschenswert“, wenn die Kinder in der Familie blieben, heißt es im Programm. An der Strategie der AfD in NRW lässt sich noch in Teilen erkennen, dass man sich einmal als deutlich gemäßigt darstellen wollte. Der Wahlslogan, „Die Realität ist das Programm“, klingt moderat. Ziel waren vor allem enttäuschte SPD-Wähler. 

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