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Wahl in Nordrhein-Westfalen : Im Rausch der Balkendiagramme

Rot-grüner Siegestaumel: Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann Bild: dpa

Der SPD gelingt mit Hannelore Kraft ein sensationelles Wahlergebnis, das einst Normalität war. Lindner rettet die FDP und Röttgen macht einen Spaziergang in der Abendsonne, nachdem er wie Ikarus auf Normalnull aufgeschlagen ist.

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          In der frohen Erwartung, dass sie ein ganz großes Fest feiern würde, hatte die nordrhein-westfälische SPD für Sonntagabend die Diskothek „3001“ im Düsseldorfer Medienhafen reserviert. Das war eine weise Entscheidung. Weit vor 18 Uhr nämlich ist die „innovative und progressive Location“, wie sich die Diskothek selbst nennt, rappelvoll. Auf dem „Mainfloor“ drängen sich die Anhänger von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und sind des Lobes voll. Frau Kraft habe der SPD ein neues Gefühl gegeben, heißt es. Sie habe die Partei wieder zu den Menschen gebracht. Als dann um Punkt 18 Uhr die erste Prognose auf dem Bildschirm erscheint, bricht der Jubel bereits los, als der schwarze Balken der CDU bei 26 Prozent stecken bleibt. Er steigert sich in ekstatische Höhen, als für die SPD rund 39 Prozent angezeigt werden. Er schwillt auch nicht ab, als die Grünen auf zwölf Prozent kommen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So eindeutig ist das Ergebnis, so groß ist der persönliche Triumph für Frau Kraft, dass sie dann viel früher in der Diskothek erscheint als geplant. Gemeinsam mit ihrem Mann Udo und Sohn Jan steigt sie auf die Bühne. Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und küsst ihren Mann. „Was für ein toller Abend“, ruft sie. „Wir haben das Richtige getan, wir haben die Menschen in den Mittelpunkt gestellt.“

          Die rund 39 Prozent der SPD sind in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Zum einen konnte sich die Kraft-SPD klar vom Bundestrend abkoppeln. Alle Wahlforschungsinstitute sehen die SPD im Bund bei unter 30 Prozent. Zum anderen war auch der Absturz der SPD in Nordrhein-Westfalen nach dem Schröderschen Agenda-Schock dramatisch gewesen. Bei der Bundestagwahl 2009 kam die Partei hier nur auf 28,5 Prozent. Wenige Monate später bei der Landtagswahl 2010 erreichten die Sozialdemokraten magere 34,5 Prozent. So schlecht hatten sie zuletzt 1954 abgeschnitten.

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          Aus sozialdemokratischer Perspektive war das Ergebnis von 2010 aber doch erträglich, weil die CDU, die im Fotofinish 0,1 Prozentpunkte mehr erhalten hatte, nach nur fünf Jahren die Position der strukturellen Mehrheitspartei in Nordrhein-Westfalen wieder verloren hatte. Nun aber ist die SPD wieder klar die strukturelle Mehrheitspartei im bevölkerungsreichsten Bundesland. Und Hannelore Kraft ist die neue starke Frau der deutschen Sozialdemokratie.

          Spekulationen, sie werde nun Kanzlerkandidatin der SPD, weist sie sogleich zurück. Sie wolle nun ihre „Präventionspolitik“ in Nordrhein-Westfalen umsetzen. Das gelte für die gesamte Legislaturperiode. „Die Wähler haben mein Wort.“

          Zwar scheinen die rund 39 Prozent der SPD im langfristigen Vergleich kein Traumergebnis für die SPD, denn zwischen 1962 und dem Jahr 2000 erzielte sie in Nordrhein-Westfalen stets Werte von klar über 40 Prozent. Doch angesichts der Verschiebungen im Parteiensystem sind 39 Prozent heute ein Spitzenwert für eine Volkspartei - und eine gute Grundlage, um aus dem 2010 eingegangenen Wagnis Minderheitsregierung ein stabiles rot-grünes Bündnis zu machen.

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