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Nach den NRW-Wahlen : Eiche und Bambus

Fast verlegen im Triumph

Ähnlich hatte Brüderle auch vorher schon mal gesprochen, wohl kalkulierend, dass beim Wort „Bambus“ die Zuhörer eventuell an Rösler denken. Dann fügte Brüderle noch einen Satz hinzu, der geeignet war, den amtierenden FDP-Vorsitzenden geradezu verbal auszubürgern. Brüderle sagte: „Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr.“ Brüderles Umfeld versuchte das Offenkundige am Montag durch Beschwichtigungen zu vernebeln. Brüderle habe doch auch vom Zusammenhalt der Parteiführung gesprochen, von der Führungsfrage, die sich ihm eben gerade nicht stelle, und Brüderle wolle überhaupt nicht Parteivorsitzender werden. Sogar Brüderles Gartenbambus wurde bemüht, der leider, leider kürzlich eingegangen sei und an den er möglicherweise in Niedernhausen gedacht habe.

Neben Rösler und Kubicki stand am Wahlerfolgsmontag Christian Lindner auf der Bühne. Vor auf den Tag genau fünf Monaten hatte er hier zum Abschied vom Amt des Generalsekretärs gesagt: „Auf Wiedersehen“. Jetzt sieht man ihn fast verlegen im Triumph. Lindner ist einer, der gerne frotzelt. Aber er ist niemand, der auf am Boden liegenden herumtrampelt. Lindner ist es im Wahlkampf um die FDP gegangen, um sein Heimatland. Aber er führte auch einen Kampf um seine eigene Rehabilitierung.

„Nicht kampagnenfähig“, das war eines der Urteile, das Präsidiumskollegen in der FDP über Christian Lindner gefällt hatten. Das war im Januar. Lindner hatte kurz davor sein Amt niedergelegt und war entschwunden, „Fahnenflucht“, hieß es. Manche in der FDP sagten, er habe das Thomas-Dehler-Haus nicht in den Griff bekommen, deswegen sei er frustriert gewesen. „Ich habe in meinem Leben mehr Personal geführt als die alle zusammen“, ließ sein soeben designierter Nachfolger Döring sich damals zitieren. „Nicht kampagnenfähig“, das ist für einen Generalsekretär so, als würde man über einen Jockey sagen, er könne nicht reiten. Lindner hat das getroffen.

Risikofreudig, überzeugend und siegreich

„Ich werde jetzt alles daran setzen, dass die Parteizentrale in Zukunft kampagnenfähig sein wird. Wir müssen wieder schlagkräftiger werden“, sagte Döring. Es gehe darum, schrieb Rösler im Dezember an die Parteimitglieder, die Parteizentrale „wieder schlagkräftig“ zu machen. Lindners Vorgänger Dirk Niebel sagte, nach Lindners Abgang müsse es das Ziel sein, „das Dehler-Haus wieder kampagnenfähig aufzustellen“.

Jetzt hat Lindner es seinen Kritikern so deutlich gezeigt wie kaum jemals ein FDP-Politiker: In sechs Wochen die Zustimmung vervierfacht, das große Bundesland mit Plakaten, Interviews und Veranstaltungen eingedeckt. Risikofreudig, überzeugend und siegreich, so kehrte Lindner am Montag ins Thomas-Dehler-Haus zurück. „Ich freue mich darauf, dass ich im Landtag als Fraktionschef arbeiten kann. Das ist eine wunderbare Aufgabe.“ Lindner glaubt selbst, was er sagt. Aber er kennt natürlich auch eine andere Wahrheit: Als Chef des größten FDP-Landesverbandes, Fraktionsvorsitzender und erfolgreicher Wahlkämpfer wird er mehr mitbestimmen können, als ihm das als Generalsekretär je möglich war. Der bisherige FDP-Fraktionsvorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Gerhard Papke, sagte am Sonntagabend: „Christian Lindner ist spätestens seit heute Abend der große Hoffnungsträger der FDP.“ Warum er Lindner nicht den Vortritt lasse, wird Rösler am nächsten Morgen schon im Fernsehen gefragt. Er weicht aus: „Ich sehe das ganz entspannt, wir lassen uns von außen keinen Streit in die FDP hineintragen.“ Einige Stunden nach diesem Satz tritt Lindner im Dehler-Haus von der Bühne, dreht sich im Weggehen kurz rum und ruft diesmal „Tschüs“, weil er weiß, dass das jetzt alle aufschreiben.

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