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Hannelore Kraft im Gespräch : „Bildung muss in der Kita beginnen“

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Sie sagen also, man könne langfristig Kosten sparen, indem man früher Geld in die Hand nimmt, präventiv investiert.

Das ist zu einfach.

Wie ist es denn dann?

Strukturen aufzubauen, die gegen Missstände vorbeugen sollen, heißt doch nicht, dass man mit einer Gießkanne durch das Land zieht und Geld verteilt. Wenn wir dafür sorgen, dass mehr Kinder einen Schulabschluss machen, dass mehr Jugendliche eine Ausbildung bekommen, dann sinken die Kosten der Langzeitarbeitslosigkeit. Gezielte Förderung beim Übergang Schule und Beruf bedeutet aber doch nicht, dass dies mehr kostet. Wir müssen die Kinder und Jugendlichen nur individueller unterstützen, die Hilfen besser organisieren. Die Kosten für Inobhutnahmen, also das Rausholen von Kindern aus ihren Familien, wenn es Probleme gibt, und andere Maßnahmen der Jugendhilfe kosten die Kommunen in Nordrhein-Westfalen 1,2 Milliarden Euro im Jahr. Zum Vergleich: Das Land hat einen Haushalt von 55 Milliarden Euro, mit dem wir alles finanzieren: auch jeden Lehrer, jeden Polizisten. Und 1,2 Milliarden Euro zahlen wir nur in NRW als Gesellschaft, weil wir immer mehr Kinder in Pflegefamilien und Heimen unterbringen müssen! Das ist doch unsinnig.

Aber gegen diese Missstände vorzugehen ist nicht umsonst.

Noch einmal: Der präventive Ansatz bedeutet nicht, dass man viel Geld einsetzen muss, sondern dass man Strukturen verändern muss. Familien in schwierigen Verhältnissen haben zum Beispiel vier, fünf oder auch sechs Ansprechpartner. Hilfsbedürftige Familien brauchen weniger Ansprechpartner, das System kann effizienter und kostengünstiger organisiert werden. Wenn weniger Kinder aus den Familien geholt werden müssen, entlastet das den Haushalt. Prävention heißt, dafür zu sorgen, dass die großen Reparaturkostenblöcke, die wir haben, gar nicht erst anfallen.

Ab wann führt das dann zu Einsparungen?

Es gibt Maßnahmen, die relativ kurzfristig wirken. Wir haben gerade zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung ein Pilotprojekt in 18 Städten und Kreisen gestartet, um zu zeigen, wie schnell die Wirkung eintritt und dass sich dies auch rechnet. Manche Maßnahmen brauchen eine mittlere Zeitspanne, andere eine Generation. Das habe ich aber auch immer sehr deutlich gesagt. Der Abbau der Warteschleifensysteme im Ausbildungssystem wirkt schnell. Jeder Kita-Platz ist eine gute Prävention. Wir wissen aus einer Untersuchung des Prognos Instituts, dass sich jeder Kita-Platz volkswirtschaftlich schon nach einem Jahr rechnet, weil Mütter dann erwerbstätig sein können, Steuern und Sozialabgaben zahlen, anstatt Transferleistungen zu beziehen. In vielen Fällen möchten gerade Alleinerziehende gerne wieder arbeiten, haben aber keine verlässliche Betreuung. Deshalb stellen wir uns auch so massiv gegen das Betreuungsgeld. Bisher waren wir uns mit der CDU einig, dass Bildung schon in der Kita beginnen muss. Dann müssen wir aber auch sicherstellen, dass alle Kinder da sind, statt eine Prämie für Kinder zu zahlen, damit sie fernbleiben. Das ist vollkommen unsinnig. Es würde auch keiner auf die Idee kommen, jemandem einen Bonus zu zahlen, der nicht ins Museum geht.

Macht es Ihnen keine Gedanken, dass Nachfolgeregierungen womöglich etwas schultern müssen, was von Ihnen eingeführt wurde, dann aber nicht aufgegangen ist?

Mit dem angesprochenen Pilotprojekt wollen wir ja auch die finanziellen Auswirkungen belegen. Das ist mir sehr wichtig. Wenn Sie meinen, ich stünde für eine Politik, die leichtfertig Schulden macht, dann sage ich Ihnen: Nein. Ich bin selbst Mutter, Bankkauffrau und Ökonomin. Das heißt aber auch, dass ich den nachfolgenden Generationen nicht die Chancen nehmen darf, die sich aus besseren Bildungsinvestitionen ergeben. Oder dass ich den Wirtschaftsstandort gefährden darf, weil ich dem Fachkräftemangel nicht entgegenwirke.

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