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Wahlkampf in Niedersachsen : Weil ihn nicht jeder kennt

  • -Aktualisiert am

Volkswagen-Mutter: SPD-Kandidatin Glosemeyer an ihrem Infostand Bild: Pilar, Daniel

Der Straßenwahlkampf in Wolfsburg offenbart die Strategie der SPD in Niedersachsen: Sie setzt auf den Willen zum Wechsel - auch weil ihr Spitzenkandidat bislang wenig bekannt ist.

          Straßenwahlkampf und Häuserbesuche sind manchmal öde, selten erfolgreich oder gar bereichernd, fast immer aber mühsam. Meist freuen sich die Passanten über den angebotenen roten Kuli, viele werfen die beigelegten Broschüren rasch fort. Der Wahlkampf am Stand aber kann ganz unterschiedlich verlaufen. Das erfahren derzeit zwei Bewerber der SPD um einen Sitz im niedersächsischen Landtag, Doris Schröder-Köpf und Immacolata Glosemeyer.

          Frau Schröder-Köpf kennt dank ihres Mannes Gerhard Schröder „jeden“ in der weiten Welt, und „jeder“ kennt sie. Sie dürfte überregional bekannter sein als der Spitzenkandidat und Oberbürgermeister ihrer neuen Heimatstadt Hannover, Stephan Weil, der sie bei einem Wahlsieg zur Integrationsbeauftragten des Landes Niedersachsen ernennen will. So füllt sie Zeitungszeilen und Radiominuten. Ihr Einzug in den Landtag ist dank eines guten Listenplatzes fast sicher. Mal besucht sie der frühere serbische Präsident Boris Tadic an ihrem Wahlkampfstand am Kröpcke, mal große Namen aus der Berliner Politik.

          Und dann gibt es jene Bewerber, die wissen, dass sie ein Direktmandat in einem Wahlkreis wie Wolfsburg kaum erreichen können. Bei der letzten Wahl 2008 hatte die CDU dort elf Prozentpunkte Vorsprung, auf der Liste steht Immacolata Glosemeyer auch ziemlich weit hinten. Dennoch steht die berufstätige Mutter seit dem Spätsommer jeden Samstag drei Stunden lang vor einem Einkaufszentrum in der überdimensionierten Fußgängerpassage der Innenstadt, die ähnlich trist wirkt wie vieles in der Stadt, und verteilt frohen Mutes Broschüren. Direkt danach klingelt sie an Haustüren, um zur Wahl am 20. Januar aufzufordern, und sagt, sie wolle dort nicht wie eine Drückerkolonne wirken.

          Abhängig vom Arbeitgeber

          Dass der Unterbezirk sie als Bewerberin vorschlug, hat mit ihrem seit 15 Jahren währenden Einsatz für den Wolfsburger Tagemütterverein zu tun. Sie ist als Ortsbürgermeisterin der Nordstadt, als Mitglied des Wolfsburger Stadtrats und als Vorsitzende des Sozialausschusses eng vernetzt. Viele Passanten sprechen sie an, auch wenn der benachbarte CDU-Stand mit der amtierenden Landtagsabgeordneten stärker umlagert ist. Sie hat weitere Vorzüge in einer Stadt wie Wolfsburg, die ihre Chancen steigen lassen: Sie gehört gleichsam zur Großfamilie des weitaus größten Arbeitgebers, da ihr Vater, ihr Mann und ihr Sohn bei Volkswagen arbeiten. Keine andere deutsche Großstadt ist so stark von einem Arbeitgeber und dessen Zulieferern und Dienstleistern abhängig wie Wolfsburg, das 1938 gegründet wurde, um den Arbeitern des Volkswagenwerks Unterkunft zu bieten.

          Stephan Weil in Gorleben

          Immacolata Glosemeyer lebt zwar seit ihrem ersten Lebensjahr in der Nordstadt, sie ist aber in Italien geboren - ein Musterbeispiel gelungener Integration. Wolfsburg ist vor Ludwigshafen und Solingen die „italienischste Stadt“ Deutschlands, weniger wegen des Stadtgefühls, mehr wegen der Zusammensetzung seiner Menschen. 415 von 10000 Bewohnern kommen dank der Gastarbeiterströme seit 1962 aus Italien - der Bundesdurchschnitt liegt bei 64. Im ältesten italienischen Fußballverein auf deutschem Boden spielen schon die Enkel der Vereinsgründer. Sie leben in einer Stadt merkwürdiger Widersprüche. Eine Studie sieht Wolfsburg als „zukunftsfähigste Stadt“ Norddeutschlands. Der Kulturhistoriker Christoph Stölzl nennt die Autostadt die „ungewöhnlichste Stadt Deutschlands“. Geldmangel gibt es dank der Steuerzuflüsse und Spenden des größten Autokonzerns Europas nicht - ob bei Kindergärten und Schulen oder beim Ausbau von Museen oder der Ausrichtung von Kunstfestivals.

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