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Wahl in Niedersachsen : Rutschpartie in den Landtag

  • -Aktualisiert am

Sieger oder Verlierer I: CDU-Spitzenkandidat David McAllister Bild: Schmitt, Felix

Trotz massiver Verluste ist die CDU zufrieden mit ihrem Wahlergebnis. Die an die FDP verlorenen Stimmen sollten schließlich den Machterhalt sichern. SPD und Grüne feiern dagegen klare Zugewinne und die Piraten rennen der politischen Bedeutungslosigkeit entgegen.

          Auf den vereisten Wegen zum Landtagsgebäude in Hannover herrscht am Sonntagabend akute Rutschgefahr. Allzu schnell kann - auch wer sich sicher im Tritt wähnt - hier auf seinem Gesäß landen. Ähnlich wie bei den Fußgängern auf dem Gehsteig mischt sich auch bei den Politikern im Gebäude in den Jubel wie in den Kummer an diesem Wahlabend vor allem eines: Unsicherheit. Die beiden Lager Schwarz-Gelb und Rot-Grün liegen fast gleichauf.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          In Schönheit sterben wolle niemand - der Satz eines der CDU verbundenen Wirtschaftsdenkers fasst die Stimmung innerhalb der CDU in wenigen Worten zusammen. CDU wie auch FDP wissen, dass es aus der CDU zahlreiche Zweitstimmen für die Liberalen gab. Vor allem im Mittelstand ist diese Strategie wohl verankert gewesen: die Bereitschaft, ihre Stimme der FDP zu „schenken“, um den Gesamtsieg für Schwarz-Gelb zu erhalten. Dieses Vorgehen vieler Wähler bringt der CDU massive Verluste. Was um 18 Uhr auf den Bildschirmen im Landtag angezeigt wird, ist eines der schlechtesten Ergebnisse der Union seit Gründung des Bundeslandes. Deren Anhänger scheint das Ergebnis nicht zu wurmen. Was nütze es schon, wenn die CDU 43 Prozent der Stimmen erhalte, aber nicht mehr in der Regierung sei, wird gefragt. So kann David McAllister für seine Partei kein Traumergebnis einfahren - der Verlust ist massiv.

          Etwas zu still, etwas zu bieder

          Er hat aber mit seinem sichtbaren Entgegenkommen gegenüber der FDP, mit Auftritten bei FDP-Veranstaltungen und mit zweideutigen Eindeutigkeiten klar zu erkennen gegeben, dass CDU-Wähler mit ihren Zweitstimmen die FDP stützen sollten. Bei möglichen Koalitionsverhandlungen sollte die FDP jedenfalls nicht überheblich auftreten. So ist die Stimmung im Fraktionssaal der CDU eher durchmischt, trotz der Unterstützungsschilder für „Mac“, die im Saal verteilt werden. Vielleicht, sagt der ausscheidende Finanzminister Hartmut Möllring, sei die CDU in den vergangenen fünf Jahren etwas zu bieder und still aufgetreten. Am Wahlabend rufen die CDU-Anhänger bei den ersten Ergebnissen für die CDU, bei den Ergebnissen für die FDP und für die Mandatsverteilung gar nicht still, sondern sehr laut ihr „David, David“ - auch wenn um diese Uhrzeit der Vorsprung knapp ist.

          Sieger oder Verlierer II: SPD-Spitzenkandidat Stefan Weil

          Zu den Verlierern innerhalb der CDU zählen jene, deren Wahlkreise unsicher sind. Bei dem schlechten Zweitstimmenergebnis wird die Landesliste kaum zum Tragen kommen. Damit sind zum einen einzelne Regionen von Braunschweig bis Emden möglicherweise nicht mehr angemessen in der Fraktion vertreten. Zum anderen mag es sein, dass CDU-Landesminister mit unsicheren Wahlkreisen - halbwegs sicher wissen sie das erst Dienstag früh - nicht mehr im Landtag vertreten sein werden. Das gilt für die Sozialministerin Aygül Özkan (Hannover), für Kultusminister Bernd Althusmann (Lüneburg) und für Innenminister Uwe Schünemann (Holzminden).

          Die Anhänger der FDP jubeln derweil in der „Bar Celona“ unweit des Landtags. Nicht über Messi und Iniesta, sondern über Stefan Birkner, den Spitzenkandidaten der Freien Demokraten. Mit dem angezeigten Ergebnis von etwa zehn Prozent sind noch die kühnsten Erwartungen der Liberalen übertroffen worden. „Jaaha, juchuu und suuper“ lauten gleichlautend auch die ersten Einschätzungen bei den FDP-Anhängern im Landtag, wo Freud und Leid oft nur wenige Meter auseinanderliegen. Dass die FDP heute zur Fraktion der Freudvollen gehört, hatte noch vor einem Monat kaum jemand geglaubt. Birkner, der niedersächsischer Umweltminister, hat erfolgreich den Beweis geführt, dass das alte Rezept der FDP noch von ausreichend vielen Wählern für schmackhaft gehalten wird. Anders als die 2012 erfolgreichen Wahlkämpfer Christian Lindner in Nordrhein-Westfalen und Wolfgang Kubicki in Schleswig Holstein hatte Birkner nicht die Distanz zur Bundes-FDP unter Philipp Rösler gesucht.

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