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Wahl in Niedersachsen : Metamorphose eines Stadtkämmerers

  • -Aktualisiert am

Wie auch immer die Landtagswahl in Niedersachsen ausgeht - Oberbürgermeister von Hannover bleibt SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil nicht. Bild: dapd

Stephan Weil will David McAllister als Ministerpräsident ablösen. Sollte das Wahlergebnis dafür nicht ausreichen, würde er Oppositionsführer - oder Finanzminister einer großen Koalition.

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          Stephan Weil weiß seine Worte zu setzen - sehr zum Ärger der niedersächsischen CDU. Die sucht beharrlich nach Äußerungen, mit denen sie den Herausforderer von Ministerpräsident David McAllister vor der Landtagswahl an diesem Sonntag in Bedrängnis bringen könnte. Wenn Weil auf den letzten Metern einen Sieg doch verpasst, wäre das weniger ihm zuzuschreiben als dem glücklosen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück oder aber einem möglichen Einzug der Linkspartei in den Landtag; der dürfte alle Berechnungen über den Haufen werfen.

          Die CDU weiß, dass Weil ein guter Ministerpräsident wäre, und respektiert ihn. Zweifel gibt es eher am Zustand seiner Partei sowie an der zweiten Garde, die in Ministerämter strebt. Der Abstand von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb ist nach den jüngsten Umfragen von zehn auf ein bis zwei Prozentpunkte abgeschmolzen.

          Keine einfachen Antworten

          Weil nimmt Gesprächspartner ernst - sogar, wenn er im Wahlkampf in einem Hinterhaus im Stadtteil List im kleinen Kreis Mitglieder des Landesjugendrings trifft. Er ändert seinen Ton nicht, nachdem die Fernsehkamera fort ist, sagt jugendgerecht, Umweltverschmutzung sei „echt ätzend“. Von simplifizierenden Fragen lässt er sich nicht zu einfachen Antworten verleiten, sondern erklärt komplexe Sachverhalte.

          Genauso meistert er etwa den SPD-Bundesparteitag in Hannover, wo er umzingelt wird von lauter SPD-Ministerpräsidenten: Hannelore Kraft, Olaf Scholz, Klaus Wowereit. Weil steht als Wahlkämpfer dort strahlend im Mittelpunkt, obwohl er bisher kein Amt im Land oder Bund innehatte.

          Manchmal kann Weil, der als eher nüchterner Kommunalpolitiker startete, mit Emotionen überzeugen. Etwa, wenn er auf dem Landesparteitag der SPD in Wolfsburg berichtet, warum er früh zur SPD kam, deren Landesverband er seit einem Jahr leitet, und was sie ihm bedeutet. Als er vor zwanzig Jahren SPD-Vorsitzender in Hannover wurde, sei ihm klar geworden, dass er Teil einer traditionsreichen Kette sei.

          Sozialdemokratie sei wie Bratkartoffeln

          Wenn er Genossen für 60 oder 65 Jahre Mitgliedschaft in der SPD ehrt, bewegt ihn das - Menschen, die keine Karriere machten, aber mit sich ganz und gar im Reinen sind und den Idealen ihrer Jugend treu blieben. Als Kern der deutschen Sozialdemokratie nennt Weil das Kämpfen für das Gemeinwohl statt für eigene Interessen, für einen aktiven Staat, für die Schwächeren.

          Während eines Wahlkampfauftritts auf dem Land, wo Weil sich erst bekannt machen musste, beschrieb er das Wesen der Sozialdemokratie noch plastischer: Sie sei wie Bratkartoffeln - keine Gourmetkost, aber knusprig, würzig und sättigend.

          Dabei hat der 54 Jahre alte Jurist keinen typisch sozialdemokratischen Lebenslauf. Vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister Hannovers war er Rechtsanwalt, Richter, Staatsanwalt und Ministerialrat im Justizministerium. Unter Berufung auf seine Zeit auf einem humanistischen Gymnasium wehrt er im Fernsehduell im NDR Vorwürfe McAllisters ab, der meint, die niedersächsischen Gymnasien seien unter einer SPD-Regierung gefährdet.

          Ein bodenständiges Image

          Er wuchs im bürgerlichen Hindenburgviertel in Hannover auf und kommt aus einer Akademikerfamilie. Sein Vater war Diplom-Ingenieur, seine Mutter promovierte Volkswirtin. Der Jugendliche genoss zunächst eher den Fußballplatz und das Feiern als den Unterricht. Dann aber kamen seine politischen Urerlebnisse: der Kampf gegen das Atommüllendlager Gorleben und das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt.

          Dass der Dreizehnjährige sich im Gymnasium einen Willy-Brandt-Button anheftete, war ein frühes Bekenntnis. Einen eigenen Kopf bewies er, als er in die SPD eintrat, während es seine Freunde zu den Grünen zog. Beeinflusst hat ihn bei seiner politischen Sozialisation seine vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus beeinflusste Mutter, die noch persönlich erlebte, wie die Geschwister Scholl in München Flugblätter gegen Hitler verteilten.

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