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Wahl in Niedersachsen : Metamorphose eines Stadtkämmerers

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Seine Familie ist ihm Rückzugsort und Schutzschild. Andere lässt er nicht zu nahe an sich heran. So hat es ihn geschockt, als radikale Tierschützer die Wand seines Hauses beschmierten. Vor allem auf seine Frau Renate Kerkow-Weil, Professorin der Pflegewissenschaften, hört er. Kürzlich forderte der Senat der Hochschule mit einer Dreiviertelmehrheit ihre Absetzung als Hochschulpräsidentin. Sie und ihr Präsidium neigten zu autoritären Entscheidungen und „rüdem Umgang mit dem Personal“, hieß es zur Begründung. Weil werden solche Vorwürfe nicht gemacht.

In den vergangenen Monaten scheint es, als habe Stephan Weil sein Bild korrigiert oder gar sein Wesen verändert. Er verliert sich nicht mehr in Zahlenreihen, sondern kommt locker daher, ironisch und schlagfertig. Früher war er eher der Typ solider Arbeiter, nicht aber unterhaltsam wie zwei der drei letzten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel, oder gar charismatisch - dafür aber berechenbar.

Keine vordergründige Politik

Man glaubt dem gebürtigen Hamburger Weil, dass er keine vordergründige Politik „fürs Schaufenster“ machen wolle. Seine Lieblingssentenz bei Wahlkampfauftritten lautet, er sei Tiefwurzler und Langläufer, kein Sprinter. Seine Joggingschuhe nimmt er auch auf Reisen mit. Den hannoverschen Maschsee umquert er jedes Wochenende: 15 Kilometer am Stück.

Das Verhältnis eines künftigen Ministerpräsidenten Weil zu den Grünen wird nicht einfach sein - auch nicht aus Perspektive der Grünen. Bei den Themen Verkehr und Infrastruktur sowie der Industriepolitik ist Weil der CDU deutlich näher als ihnen. So lässt sein in Berlin geäußerter Satz aufhorchen, es werde eine Regierung in Niedersachsen ohne Beteiligung der SPD nicht geben. Das schließt eine große Koalition nicht aus. Die Grünen, so meinte er wohl, sollten eine rot-grüne Koalition nicht für selbstverständlich halten.

Beim Umgang mit Geld und Haushalt ist Weil ein Strukturkonservativer. Als Erstes, kündigte er an, wolle er nach einem Wahlsieg einen Kassensturz machen. Sein Lokalpatriotismus gebietet, dass er die aus Steuergründen von Hannover nach Groß Berßen - einem Ort in der Provinz mit niedrigen Steuersätzen - verlegte Gesellschaft für Landesbeteiligungen von Volkswagen bis Salzgitter zurück in die Landeshauptstadt holt.

Mit einer Verwaltungsreform und einer Verlagerung von Befugnissen auf Regionen und Kommunen will er Stellen beim Land abbauen. Wenig beliebt machte er sich bei den neuen Bundesländern mit seiner Forderung, den Solidarpakt schon vor 2019 auslaufen zu lassen - mit der Sonderförderung müssten nicht nur ostdeutsche Länder gestützt werden, sondern auch bedürftige Regionen im Westen wie der Südosten Niedersachsens.

Änderungen strebt Weil in der Integrationspolitik an, mit der er Doris Schröder-Köpf betrauen will. Bei der Suche nach einem atomaren Endlager hat er andere Vorstellungen als SPD und sogar Grüne im Bund. Weil will Gorleben bei der Suche nach einem neuen Standort von vornherein ausschließen. Da geht bei ihm das Interesse des Landes vor jenem der Partei. Vermutlich werden in einer rot-grünen Koalition aber die Grünen das Umweltressort übernehmen.

Neun Kandidaten für Ministerien hat er schon benannt, ebenso den möglichen neuen Chef der Staatskanzlei. Diesen Posten soll im Falle eines Wahlsiegs der Osterholzer Landrat Jörg Mielke übernehmen, von dem Weil sagt, er sei hervorragend vernetzt und ein exzellenter Organisator - beide kennen sich aus Göttinger Studienjahren. Offenbar hat Stephan Weil für einen Regierungswechsel alles Wesentliche vorbereitet - nur der Wahlsieg fehlt noch.

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