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Wahl in Niedersachsen : Metamorphose eines Stadtkämmerers

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Zu seinem bodenständigen Image passt, dass er Bier dem Wein vorzieht und als Hannover-96-Fan weiterhin in der Stadionkurve sitzt statt in der VIP-Lounge; das Erreichbare gilt ihm mehr als das Schwärmerische. Er fuhr mit den Falken in Zeltlager, wurde Mitglied der Juristischen Fachschaft und trat der Juso-Hochschulgruppe bei. In der SPD setzte er sich als ehrenamtlicher Stadtverbandsvorsitzender für die Sanierung von dessen Finanzen ein.

Das qualifizierte ihn für das Amt des Stadtkämmerers. Er sieht sich durch und durch als „Kommunalo“ und hält die politische Arbeit auf dieser Ebene für praktizierte Gesellschaftspolitik. Diese Wurzeln will er in keinem neuen Amt vergessen - sei es vom Februar an als Ministerpräsident einer rot-grünen Regierung, als Oppositionsführer oder als Finanzminister einer großen Koalition. Letztere Möglichkeit würde er jedoch nie als denkbare Option zugeben.

Seit Jahresbeginn hat Weil sich als hannoverscher Oberbürgermeister für den Wahlkampf beurlauben lassen, direkt nach der Wahl will er sein Amt niederlegen. Nur einmal tritt er noch in diesem Amt auf: am Freitag, wenn er gemeinsam mit Amtsinhaber McAllister das im Weltkrieg zerstörte welfische Schloss Herrenhausen als Konferenzzentrum der Volkswagenstiftung und als Teil des städtischen Museums eröffnet.

Auch beim Richtfest traten beide nebeneinander auf - da wirkte Weil besser vorbereitet als der Ministerpräsident und engagierter. Sein Ruf als Oberbürgermeister ist solide - er mag aber auch hier und da geschont werden. Kaum jemand etwa versuchte zu ergründen, warum vor sechs Wochen in einer vergleichenden Umfrage nach den dynamischsten deutschen Großstädten Hannover nur im unteren Mittelfeld auf Rang 28 lag - die beiden von CDU-Oberbürgermeistern regierten Nachbarstädte Oldenburg und Braunschweig aber auf den Rängen zwei und acht.

Partei-Netzwerk jenseits der Landesgrenzen

Auch manche kulturellen und künstlerischen Leuchtfeuer der Stadt hat er nicht hinreichend genutzt. Eines aber ist sicher: Ob er in die Staatskanzlei wechselt, ins Finanzministerium oder in den Landtag - ein so prächtiges Dienstzimmer wie sein jetziges, von dessen Balkon aus die britische Königin Elisabeth 1965 die Huldigung der Bevölkerung entgegennahm, wird er nicht wieder haben.

In der Kommunalpolitik beschränkte Weil sich nicht auf Hannover und Umgebung. Er wurde Sprecher der Gemeinschaft Sozialdemokratischer Kommunalpolitiker und bastelte so sein Netzwerk in der Partei jenseits der Landesgrenzen. Als eines seiner ersten politischen Ziele nennt er eine Neuordnung des kommunalen Finanzausgleichs. Und als Präsident des Verbandes Kommunaler Unternehmen erlernte und prägte er die Feinheiten der Stromversorgung und der Abfallwirtschaft.

Das wird ihm - in welcher Rolle auch immer - bei Debatten um die Energiewende nutzen. Immerhin haben die 1.400 Mitgliedsunternehmen des Verbandes, den er fünf Jahre lang leitete, einen Gesamtumsatz von nahezu 100 Milliarden Euro. Bei den Treffen niedersächsischer Oberbürgermeister fiel manchen auf, dass er das Gespräch vor allem mit Sozialdemokraten suchte, während andere Stadtoberhäupter parteiübergreifend schwatzten.

Er weiß, was er will

Nach außen tritt Weil stets verbindlich auf. Er weiß, was er will, und bleibt kontrolliert. Sich selbst bezeichnet er als ungeduldig und auch mal stur. Im Wahlkampf bereitet der Rotarier sich penibel auf Auftritte vor. Er sucht angeblich regelmäßig bei Gerhard Schröder Rat. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag Stefan Schostok, der ihn als Oberbürgermeister beerben will, zählen zu seinen Vertrauten. Doch am Ende entscheidet er allein, berichten enge Mitarbeiter. Im Dachgeschoss seines Hauses ist sein Denkerstübchen.

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