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Tierschutz im Landtagswahlkampf : Im Land der Hühner

Vierzig Tage durch die Wüste: eine Geflügel-Mastanlage in Niedersachsen Bild: Theodor Barth/laif

Der Widerstand gegen den Riesenschlachthof im niedersächsischen Wietze geht weiter. Die Grünen haben die Landtagswahl am Sonntag zur Abstimmung über den Tierschutz erklärt.

          7 Min.

          Die grün-weißen Hallen am Ortseingang könnten zu einem Schraubenhändler oder einem Paketdienst gehören. Gesichtlose Gewerbegebiets-Architektur, deren einziger Zweck der Zweck ist. In diesem Fall: Hühner aus dem Zustand „lebendig“ in den Zustand „tot“ zu überführen. Die Gebäude im niedersächsischen Wietze beherbergen den größten Geflügel-Schlachthof in Europa, mit einer genehmigten Kapazität von 432.000 Hühnern am Tag. Also umgerechnet 27.000 Hühner in der Stunde, 450 in der Minute oder 7,5 in der Sekunde. Oder, auf das Jahr gerechnet, einhundertvierundreißigmillionensiebenhundertvierundachtzigtausend tote Hühner.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Ein „unbehagliches Gefühl“ hat Uschi Helmers, die der örtlichen Bürgerinitiative gegen den Schlachthof der Firma Rothkötter vorsitzt. Sie und ihr Mann Gerd stehen vor der Anlage im kalten Regendunst und denken nach. Beide tun sich schwer, in Worte zu fassen, was sie an dem Riesenschlachthof verstörend finden. Nur ab und zu ist der Geruch über Wietze unangenehm und süßlich. Heute ist vom Sterben auf dem Gelände nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu riechen. Das Unternehmen Rothkötter verhält sich zu Opas Hühnerstall wie ein im Gras pickendes Huhn zu den Hähnchen-Pattys, die man „geformt, paniert, gegart, frittiert und tiefgefroren“ im Geflügel-Shop des Schlachthofs kaufen kann.

          Industrialisierung der Landwirtschaft

          Ein Lastwagen rollt langsam auf das Firmentor zu. „Da kommt gleich der nächste und da hinten noch einer“, sagt Gerd Helmers. „Wahrscheinlich haben sie irgendwo ausgestallt.“ Die Lastwagen, die ein Laie nicht als Geflügeltransporter erkennen kann, sind grün und weiß - Rothkötters Farben. Die Geflügelmäster, die ihn beliefern, sind eng an sein Unternehmen gebunden, heißt es. Rothkötter ist ein „Integrator“. Er liefert den Bauern, die sich an ihn binden, also nicht nur die Küken, sondern auch das Futter und sogar die Tierärzte. Nach 40 Tagen Mast schickt der Integrator Lastwagen - seine Lastwagen -, holt die etwa 40.000 Tiere aus dem Stall und bringt sie nach Wietze.

          Uschi und Gerd Helmers vor dem Landtag in Hannover

          Dort werden sie mit Kohlendioxid vergast und dann aufgeschlitzt, gebrüht, gerupft, zerlegt und schließlich verpackt. Die Bauern sind in dem Geschäft vor allem deshalb noch dabei, weil sie das Baurecht für die Ställe haben. Ihre Arbeit bei der Mast besteht im Wesentlichen darin, zweimal am Tag mit dem Eimer durch die Halle zu gehen und die toten und verendenden Hühner einzusammeln. Ausschussware im Agrar-Business.

          Nirgendwo in Deutschland ist die Industrialisierung der Landwirtschaft - zumindest im Geflügelbereich - so fortgeschritten wie in Niedersachsen. Über tausend Ställe wurden in den vergangenen zehn Jahren errichtet, mehr als jedes zweite Huhn in Deutschland wird hier gemästet, vor allem nahe der niederländischen Grenze im Emsland. Wietze aber liegt 40 Kilometer nördlich von Hannover, weit von der Ems entfernt.

          Wenn es hier nicht klappt, wo sonst?

          Die Helmers sind wieder nach Hause gefahren und haben Platz genommen im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses, einem verklinkerten Bau, ähnlich dem Haus von Christian Wulff, das nach dessen Rücktritt häufiger in Zeitschriften abgebildet war. Gutbürgerlich und ein bisschen langweilig, so wie das Land. Als 2009 erstmals über den geplanten Schlachthof berichtet wurde, war in den Artikeln von einem „Sechser im Lotto“ und „Sekt kaltstellen“ die Rede. Die Helmers empfanden anders. „432.000 Tiere am Tag - da war der Reflex: Nee, das wollen wir nicht“, erzählt Uschi Helmers. Die beiden gehen der Sache nach. „Uns wurde schnell klar: Rothkötter wollte hier bauen, weil es im Emsland inzwischen immer sofort Proteste gibt.“ Eine „Bürgerinitiative Wietze - für den Erhalt unseres Aller-Leine-Tals“ gründet sich, kämpft, protestiert, prozessiert. Vergeblich. „Wir wollten den Schlachthof verhindern. Es ist uns nicht gelungen.“ 1000 Mitglieder hatte die Initiative vor der Eröffnung des Schlachthofs 2011. Der Jahresbeitrag beträgt 12 Euro, die Gemeinde hat 8000 Einwohner. Trotz des Scheiterns sind es bis heute 850 Mitglieder.

          Gerd und Uschi Helmers recherchieren, wollen die Zusammenhänge verstehen. Sie erzählen von Hühnern, deren Skelett von dem rasant angemästeten Gewicht überfordert ist, von Gülle-Börsen, Subventionen, Leiharbeit, multiresistenten Keimen aufgrund von Antibiotika-Einsatz, von Regenwäldern, die für den Anbau des Futters gerodet werden, und den billigsten Hühnchenteilen, die in Europa keiner essen mag, aber dafür in Afrika den Kleinbauern die Preise ruinieren. „Das hört gar nicht mehr auf, wenn man einmal damit anfängt“, stöhnt Gerd Helmers über die Komplexität. „Die Hühner sollten länger als nur 40 Tage leben. Vielleicht ein halbes Jahr. Und Bewegung sollten sie haben“, findet Frau Helmers. „Die Frage ist: Besitzt die Politik den Mut, die Richtung zu verändern?“

          Christian Meyer von den Grünen hat einen Begriff für das, was die Helmers sich wünschen: „Agrarwende“. Es ist das Anschlussprojekt der Partei nach der „Energiewende“. Sollte sich die Waage bei der Landtagswahl am Sonntag zugunsten von Rot-Grün neigen, hätte der Landtagsabgeordnete Meyer gute Aussichten, niedersächsischer Landwirtschaftsminister zu werden. Mit dem Begriff Agrarwende treibt Meyer CDU und FDP innerhalb und außerhalb des Landtags vor sich her. Im Wahlkampf hätten die Veranstaltungen zur Agrarpolitik den meisten Zulauf, erzählt er. „Die CDU ist auf diesem Feld massiv unter gesellschaftlichen Druck - gerade im ländlichen Raum.“ In diesem Jahr wollen die Grünen das Thema in den Mittelpunkt ihrer Wahlkämpfe stellen; Niedersachsen macht den Anfang. Überall im Land haben sie Plakate aufgehängt mit einer Henne darauf und dem Slogan: „Ernährung ist eine Frage der Haltung.“ Wenn es hier nicht klappt, wo sonst?

          Ein Ökolandtraum

          Für die Agrarwende werben die Grünen wie früher bei der Energiewende mit der Behauptung, Naturschutz und Marktwirtschaft ließen sich recht problemlos vereinbaren. Wenn der Staat bei Vorschriften und Bezuschussung umsteuere, werde sich das auszahlen. „Die Agrarwende bringt eher Arbeitsplätze“, sagt Meyer. In der industriellen Hähnchenmast benötige man inzwischen nur noch eine Arbeitskraft für 100.000 Hühner. Und seit Schwarz-Gelb in Niedersachsen regiere, seien in der Landwirtschaft fast 30.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Dabei gebe es doch „eine Chance für höherpreisige Lebensmittel aus Deutschland“.

          Das häufig vorgebrachte Argument von der Schizophrenie der Verbraucher, die Massentierhaltung ablehnen, aber im Discounter sich das Huhn für 2,99 Euro aus der Tiefkühltruhe fischen, hält er für eine Schutzbehauptung. Dass es ein Scheinargument sei, habe man in den vergangenen Jahren bei den Eiern beobachten können. „Seit draufsteht, wie die Tiere gehalten werden, kaufen achtzig Prozent der Menschen keine Käfig-Eier mehr“, argumentiert Meyer. „Das ist doch ein positives Zeichen: Der Verbraucher ist durchaus bereit, mehr zu zahlen.“ Man müsse nur dafür sorgen, dass deutlich auf den Packungen draufsteht, was drin ist. Die Bauern sieht Meyer dabei im Prinzip an seiner Seite. „Wir Grünen vertreten nicht nur die Interessen der Verbraucher und Anwohner, sondern auch der kleinen und mittleren Betriebe.“ Ein Ökolandtraum, der beim Zuhörer ungefähr jenes Bild von grüner Wiese und Fachwerkhaus heraufbeschwört, das auch die Packungen der Geflügelindustrie ziert.

          Gert Lindemann hält das für ein sehr schlichtes Weltbild. Sowohl der Grünen-Politiker als auch die Bürgerinitiative seien „nicht in der Realität von EU und der Welthandelsorganisation WTO angekommen“. Der CDU-Politiker sitzt in seinem Ministerium in Hannover, einem Nachkriegsbau, der ungefähr so nüchtern, abgeklärt und dabei ein wenig elegant ist wie der Minister selbst. Lindemann erhält für seine Arbeit Lob von vielen Seiten. „Anständig“, „extrem erfahren“, „hat alle Connections“, heißt es über ihn. Der Mann mit dem Schnauzbart ist vom Fach, seit 34 Jahren arbeitet er in Landwirtschaftsministerien. Lange war er Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium. Auf den Ministersessel in Niedersachsen kam er vor zwei Jahren. Seine Vorgängerin Astrid Grotelüschen war am 17. Dezember 2010 zurückgetreten, nachdem radikale Tierschützer der Organisation Peta verstörende Filmaufnahmen aus einem Geflügelmastbetrieb an die Öffentlichkeit brachten, an dem ihre Familie beteiligt war. Der politische Druck auf die Ministerin wurde zu groß.

          „Es gibt keine Politik des Wachsens oder Weichens“

          „Sie hat die Ermunterungen aus ihrem Umfeld, es sei alles in Ordnung in der Geflügelwirtschaft, zu ernst genommen“, hat Lindemann vor wenigen Tagen rückblickend in einem Interview in dieser Zeitung gesagt. Der Rede von Grotelüschen als der „Putenministerin“ hat ihr Nachfolger damit im Nachhinein recht gegeben. Zumindest ein bisschen. Lindemann will die Union raus aus der Defensive führen und arbeitet deshalb an einem Tierschutzplan. „Auch wir sehen Handlungsbedarf beim Tierschutz“, sagt der Minister. „40 Prozent der Hühner kommen mit Schäden an Skelett oder Fußsohlen in den Schlachthof - das geht nicht.“ Die Haltungsbedingungen müssten sich verbessern, die Mastzeiten länger werden.

          Für eine „Agrarwende“ sieht Lindemann indes keine Notwendigkeit, im Gegenteil. Kommt die Rede auf den Grünen-Politiker Meyer, der ihm den Job nehmen will, nimmt der sonst so ruhige Herr Lindemann richtig Fahrt auf. „Antibiotikaeinsatz ist nicht Folge der Massentierhaltung. Anhand der Zahlen ist das nicht belegbar. Aber der Meyer stellt sich einfach hin und sagt: Das ist so.“ Gleiches gelte für Meyers Thesen zum Betriebesterben und zu den Arbeitsplatzverlusten. Die Bauern bewirtschafteten ihr Land einfach nur nicht mehr selbst, sondern verpachteten es. „In Konkurs geht kaum einer“, sagt Lindemann. Es handele sich also lediglich um einen Wandel der Bewirtschaftung in einer Zeit, da ein moderner Rübenroder 700.000 Euro koste. „Es gibt keine Politik des Wachsens oder Weichens - das ist die Tendenz des allgemeinen Strukturwandels.“

          Die Bedeutung der Agrarpolitik im Landtagswahlkampf hält Lindemann darum auch für maßlos überschätzt. Als Beispiel dafür zieht er eine „Landtagsumzingelung“ vor wenigen Tagen heran, an der auch das Ehepaar Helmers von der Bürgerinitiative in Wietze teilgenommen haben. „Die waren froh, dass sie ihre Trecker umzingeln kommen“, lästert Lindemann über die überschaubare Teilnehmerzahl.

          Das Unternehmen verfügt über keine Pressestelle

          Bei der Veranstaltung wurden nicht nur Anstecknadeln mit einer grimmig dreinschauenden Kuh und dem Satz „How about I eat you, fucker?“ getragen, sondern auch die Losung „Bürger und Bauer - Hand in Hand“ ausgegeben. Auch diese bei aktiven Gegnern der Massentierhaltung und bei den Grünen populäre Vorstellung scheint einer gewissen Relativierung zu bedürfen. Ein Bauernvertreter jedenfalls schlägt, angesprochen auf die Grünen, die Hände über dem Kopf zusammen: „Die kommen aus den Städten und wollen uns erklären, was Natur ist.“

          Für den Wahlkampf indes dürfte weniger von Belang sein, was die Bauern oder die engagierten Tierschützer denken. Beides sind vergleichsweise kleine Gruppen. Wichtiger scheint, was die breite Masse der Bürger denkt. Dass diese Gruppe in Bewegung geraten ist, lässt sich an der Benennung der Ministerien ablesen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast war nach dem BSE-Skandal im Jahr 2001 die Erste, die in Berlin nicht mehr als Landwirtschaftsministerin, sondern als Verbraucherministerin firmierte. Ähnliche Umbenennungen gab es auch in den Ländern. „Die Politik muss inzwischen zumindest so tun, als würde sie etwas tun“, beschreibt ein Lobbyist die Entwicklung.

          Für die Annahme, dass der gesellschaftliche Druck stetig steigt, spricht jedenfalls das Verhalten von Franz-Josef Rothkötter, dem Betreiber des Schlachthofs in Wietze. Der Mann scheint etwas öffentlichkeitsscheu, gelinde gesagt. Bilder aus dem Schlachthof sind nicht verfügbar. Auf dem Parkplatz des Schlachthofs ruft ein Wärter, auf dem Gelände sei das Fotografieren untersagt. Das Ehepaar Helmers von der Bürgerinitiative erzählt, Rothkötter habe nicht einmal alle Ratsmitglieder Wietzes in seinen Schlachthof gelassen. Das Unternehmen, das gemeinsam mit Wiesenhof und einer weiteren Firma 90 Prozent des Geflügelmarktes kontrollieren soll, verfügt über keine Pressestelle. Die Öffentlichkeitsarbeit wird stattdessen von einer PR-Agentur erledigt. Eine Anfrage für ein Gespräch bleibt einige Tage ohne Antwort. Nach einer Woche kommt die Absage. „Bei den Betreibern grassiert die Angst“, rechtfertigt der PR-Berater die Zurückhaltung Rothkötters. „Wir können da draußen kaum einen Blumentopf gewinnen.“

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