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Tierschutz im Landtagswahlkampf : Im Land der Hühner

Für eine „Agrarwende“ sieht Lindemann indes keine Notwendigkeit, im Gegenteil. Kommt die Rede auf den Grünen-Politiker Meyer, der ihm den Job nehmen will, nimmt der sonst so ruhige Herr Lindemann richtig Fahrt auf. „Antibiotikaeinsatz ist nicht Folge der Massentierhaltung. Anhand der Zahlen ist das nicht belegbar. Aber der Meyer stellt sich einfach hin und sagt: Das ist so.“ Gleiches gelte für Meyers Thesen zum Betriebesterben und zu den Arbeitsplatzverlusten. Die Bauern bewirtschafteten ihr Land einfach nur nicht mehr selbst, sondern verpachteten es. „In Konkurs geht kaum einer“, sagt Lindemann. Es handele sich also lediglich um einen Wandel der Bewirtschaftung in einer Zeit, da ein moderner Rübenroder 700.000 Euro koste. „Es gibt keine Politik des Wachsens oder Weichens - das ist die Tendenz des allgemeinen Strukturwandels.“

Die Bedeutung der Agrarpolitik im Landtagswahlkampf hält Lindemann darum auch für maßlos überschätzt. Als Beispiel dafür zieht er eine „Landtagsumzingelung“ vor wenigen Tagen heran, an der auch das Ehepaar Helmers von der Bürgerinitiative in Wietze teilgenommen haben. „Die waren froh, dass sie ihre Trecker umzingeln kommen“, lästert Lindemann über die überschaubare Teilnehmerzahl.

Das Unternehmen verfügt über keine Pressestelle

Bei der Veranstaltung wurden nicht nur Anstecknadeln mit einer grimmig dreinschauenden Kuh und dem Satz „How about I eat you, fucker?“ getragen, sondern auch die Losung „Bürger und Bauer - Hand in Hand“ ausgegeben. Auch diese bei aktiven Gegnern der Massentierhaltung und bei den Grünen populäre Vorstellung scheint einer gewissen Relativierung zu bedürfen. Ein Bauernvertreter jedenfalls schlägt, angesprochen auf die Grünen, die Hände über dem Kopf zusammen: „Die kommen aus den Städten und wollen uns erklären, was Natur ist.“

Für den Wahlkampf indes dürfte weniger von Belang sein, was die Bauern oder die engagierten Tierschützer denken. Beides sind vergleichsweise kleine Gruppen. Wichtiger scheint, was die breite Masse der Bürger denkt. Dass diese Gruppe in Bewegung geraten ist, lässt sich an der Benennung der Ministerien ablesen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast war nach dem BSE-Skandal im Jahr 2001 die Erste, die in Berlin nicht mehr als Landwirtschaftsministerin, sondern als Verbraucherministerin firmierte. Ähnliche Umbenennungen gab es auch in den Ländern. „Die Politik muss inzwischen zumindest so tun, als würde sie etwas tun“, beschreibt ein Lobbyist die Entwicklung.

Für die Annahme, dass der gesellschaftliche Druck stetig steigt, spricht jedenfalls das Verhalten von Franz-Josef Rothkötter, dem Betreiber des Schlachthofs in Wietze. Der Mann scheint etwas öffentlichkeitsscheu, gelinde gesagt. Bilder aus dem Schlachthof sind nicht verfügbar. Auf dem Parkplatz des Schlachthofs ruft ein Wärter, auf dem Gelände sei das Fotografieren untersagt. Das Ehepaar Helmers von der Bürgerinitiative erzählt, Rothkötter habe nicht einmal alle Ratsmitglieder Wietzes in seinen Schlachthof gelassen. Das Unternehmen, das gemeinsam mit Wiesenhof und einer weiteren Firma 90 Prozent des Geflügelmarktes kontrollieren soll, verfügt über keine Pressestelle. Die Öffentlichkeitsarbeit wird stattdessen von einer PR-Agentur erledigt. Eine Anfrage für ein Gespräch bleibt einige Tage ohne Antwort. Nach einer Woche kommt die Absage. „Bei den Betreibern grassiert die Angst“, rechtfertigt der PR-Berater die Zurückhaltung Rothkötters. „Wir können da draußen kaum einen Blumentopf gewinnen.“

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