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Tierschutz im Landtagswahlkampf : Im Land der Hühner

Ein Ökolandtraum

Für die Agrarwende werben die Grünen wie früher bei der Energiewende mit der Behauptung, Naturschutz und Marktwirtschaft ließen sich recht problemlos vereinbaren. Wenn der Staat bei Vorschriften und Bezuschussung umsteuere, werde sich das auszahlen. „Die Agrarwende bringt eher Arbeitsplätze“, sagt Meyer. In der industriellen Hähnchenmast benötige man inzwischen nur noch eine Arbeitskraft für 100.000 Hühner. Und seit Schwarz-Gelb in Niedersachsen regiere, seien in der Landwirtschaft fast 30.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Dabei gebe es doch „eine Chance für höherpreisige Lebensmittel aus Deutschland“.

Das häufig vorgebrachte Argument von der Schizophrenie der Verbraucher, die Massentierhaltung ablehnen, aber im Discounter sich das Huhn für 2,99 Euro aus der Tiefkühltruhe fischen, hält er für eine Schutzbehauptung. Dass es ein Scheinargument sei, habe man in den vergangenen Jahren bei den Eiern beobachten können. „Seit draufsteht, wie die Tiere gehalten werden, kaufen achtzig Prozent der Menschen keine Käfig-Eier mehr“, argumentiert Meyer. „Das ist doch ein positives Zeichen: Der Verbraucher ist durchaus bereit, mehr zu zahlen.“ Man müsse nur dafür sorgen, dass deutlich auf den Packungen draufsteht, was drin ist. Die Bauern sieht Meyer dabei im Prinzip an seiner Seite. „Wir Grünen vertreten nicht nur die Interessen der Verbraucher und Anwohner, sondern auch der kleinen und mittleren Betriebe.“ Ein Ökolandtraum, der beim Zuhörer ungefähr jenes Bild von grüner Wiese und Fachwerkhaus heraufbeschwört, das auch die Packungen der Geflügelindustrie ziert.

Gert Lindemann hält das für ein sehr schlichtes Weltbild. Sowohl der Grünen-Politiker als auch die Bürgerinitiative seien „nicht in der Realität von EU und der Welthandelsorganisation WTO angekommen“. Der CDU-Politiker sitzt in seinem Ministerium in Hannover, einem Nachkriegsbau, der ungefähr so nüchtern, abgeklärt und dabei ein wenig elegant ist wie der Minister selbst. Lindemann erhält für seine Arbeit Lob von vielen Seiten. „Anständig“, „extrem erfahren“, „hat alle Connections“, heißt es über ihn. Der Mann mit dem Schnauzbart ist vom Fach, seit 34 Jahren arbeitet er in Landwirtschaftsministerien. Lange war er Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium. Auf den Ministersessel in Niedersachsen kam er vor zwei Jahren. Seine Vorgängerin Astrid Grotelüschen war am 17. Dezember 2010 zurückgetreten, nachdem radikale Tierschützer der Organisation Peta verstörende Filmaufnahmen aus einem Geflügelmastbetrieb an die Öffentlichkeit brachten, an dem ihre Familie beteiligt war. Der politische Druck auf die Ministerin wurde zu groß.

„Es gibt keine Politik des Wachsens oder Weichens“

„Sie hat die Ermunterungen aus ihrem Umfeld, es sei alles in Ordnung in der Geflügelwirtschaft, zu ernst genommen“, hat Lindemann vor wenigen Tagen rückblickend in einem Interview in dieser Zeitung gesagt. Der Rede von Grotelüschen als der „Putenministerin“ hat ihr Nachfolger damit im Nachhinein recht gegeben. Zumindest ein bisschen. Lindemann will die Union raus aus der Defensive führen und arbeitet deshalb an einem Tierschutzplan. „Auch wir sehen Handlungsbedarf beim Tierschutz“, sagt der Minister. „40 Prozent der Hühner kommen mit Schäden an Skelett oder Fußsohlen in den Schlachthof - das geht nicht.“ Die Haltungsbedingungen müssten sich verbessern, die Mastzeiten länger werden.

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