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Tierschutz im Landtagswahlkampf : Im Land der Hühner

Wenn es hier nicht klappt, wo sonst?

Die Helmers sind wieder nach Hause gefahren und haben Platz genommen im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses, einem verklinkerten Bau, ähnlich dem Haus von Christian Wulff, das nach dessen Rücktritt häufiger in Zeitschriften abgebildet war. Gutbürgerlich und ein bisschen langweilig, so wie das Land. Als 2009 erstmals über den geplanten Schlachthof berichtet wurde, war in den Artikeln von einem „Sechser im Lotto“ und „Sekt kaltstellen“ die Rede. Die Helmers empfanden anders. „432.000 Tiere am Tag - da war der Reflex: Nee, das wollen wir nicht“, erzählt Uschi Helmers. Die beiden gehen der Sache nach. „Uns wurde schnell klar: Rothkötter wollte hier bauen, weil es im Emsland inzwischen immer sofort Proteste gibt.“ Eine „Bürgerinitiative Wietze - für den Erhalt unseres Aller-Leine-Tals“ gründet sich, kämpft, protestiert, prozessiert. Vergeblich. „Wir wollten den Schlachthof verhindern. Es ist uns nicht gelungen.“ 1000 Mitglieder hatte die Initiative vor der Eröffnung des Schlachthofs 2011. Der Jahresbeitrag beträgt 12 Euro, die Gemeinde hat 8000 Einwohner. Trotz des Scheiterns sind es bis heute 850 Mitglieder.

Gerd und Uschi Helmers recherchieren, wollen die Zusammenhänge verstehen. Sie erzählen von Hühnern, deren Skelett von dem rasant angemästeten Gewicht überfordert ist, von Gülle-Börsen, Subventionen, Leiharbeit, multiresistenten Keimen aufgrund von Antibiotika-Einsatz, von Regenwäldern, die für den Anbau des Futters gerodet werden, und den billigsten Hühnchenteilen, die in Europa keiner essen mag, aber dafür in Afrika den Kleinbauern die Preise ruinieren. „Das hört gar nicht mehr auf, wenn man einmal damit anfängt“, stöhnt Gerd Helmers über die Komplexität. „Die Hühner sollten länger als nur 40 Tage leben. Vielleicht ein halbes Jahr. Und Bewegung sollten sie haben“, findet Frau Helmers. „Die Frage ist: Besitzt die Politik den Mut, die Richtung zu verändern?“

Christian Meyer von den Grünen hat einen Begriff für das, was die Helmers sich wünschen: „Agrarwende“. Es ist das Anschlussprojekt der Partei nach der „Energiewende“. Sollte sich die Waage bei der Landtagswahl am Sonntag zugunsten von Rot-Grün neigen, hätte der Landtagsabgeordnete Meyer gute Aussichten, niedersächsischer Landwirtschaftsminister zu werden. Mit dem Begriff Agrarwende treibt Meyer CDU und FDP innerhalb und außerhalb des Landtags vor sich her. Im Wahlkampf hätten die Veranstaltungen zur Agrarpolitik den meisten Zulauf, erzählt er. „Die CDU ist auf diesem Feld massiv unter gesellschaftlichen Druck - gerade im ländlichen Raum.“ In diesem Jahr wollen die Grünen das Thema in den Mittelpunkt ihrer Wahlkämpfe stellen; Niedersachsen macht den Anfang. Überall im Land haben sie Plakate aufgehängt mit einer Henne darauf und dem Slogan: „Ernährung ist eine Frage der Haltung.“ Wenn es hier nicht klappt, wo sonst?

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