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SPD-Kandidat Stephan Weil : Sturmfest, aber nicht erdverwachsen

Das ist wohl auch der Grund dafür, warum die oppositionelle CDU alle Hoffnung hat fahrenlassen, Weil aus der Vergabeaffäre einen Strick zu drehen, die bereits zwei Staatssekretäre ihr Amt kostete. Einige Vorgänge reichten zwar bis in das persönliche Umfeld des Ministerpräsidenten. Man könnte auch auf den Gedanken kommen, dass tief vom Boden dieser Affäre her die alten roten Netze Hannovers bis an die Oberfläche durchschimmern. Doch Weil, der frühere Stadtkämmerer und Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, hat offenbar den erforderlichen Abstand gehalten. Der Ministerpräsident wirkt in solchen Dingen ebenso unanfechtbar wie die Bundeskanzlerin.

Zurückhaltung, aber auch Esprit

Zu seinen Stärken zählt auch, dass Weil – ähnlich wie Angela Merkel – im politischen Tagesgeschäft keine einfachen Bälle verliert. Er hat verinnerlicht, im Zweifel lieber drei Sätze weniger zu sagen und sich flotte Sprüche zu verkneifen. Auch Hintergrundgespräche mit dem Ministerpräsidenten können sich Medienvertreter meist sparen. Ob das Mikrofon angeschaltet ist oder nicht, macht bei Weil keinen Unterschied, denn er sagt so oder so dasselbe. Für manche Journalisten ist das teils zum Verzweifeln. Der SPD-Politiker indes fährt gut mit dieser Strategie.

Sturmfester als die anderen Kandidaten? Mit dem Slogan „Sturmfest und stark“ nimmt Weil Bezug auf die inoffizielle Landeshymne.

Der von Außenstehenden manchmal als „Büroklammer“ verspottete Ministerpräsident versteht es aber auch, das Bedürfnis des Publikums nach Esprit und Format zu erfüllen. Wenn Weil im Landtag das Wort ergreift, kann es passieren, dass er seinen Beitrag mit einer Passage von Schiller garniert. In solchen Momenten wird klar, dass dieser Ministerpräsident nicht den agrarischen Teil Niedersachsens verkörpert, für den phänotypisch bis heute eher die CDU-Politiker im Land stehen. Weil repräsentiert das städtische, nordisch-aufgeklärte Bürgertum. Für die SPD in Niedersachsen ist das wichtig. Mit einem bärbeißigen Arbeiterführer an der Spitze würde die Partei den Anschluss an liberale Milieus verlieren. Mit Weil an der Spitze kann die SPD in solchen Kreisen umso mehr punkten, je stärker sich die CDU als Partei der Wald-, Wiesen- und Hähnchenmastanlagenbesitzer präsentiert.

Weil vollzog bereits einige Wenden

Trotz seines bürgerlichen Auftretens verliert Weil die soziale Frage nicht aus dem Blick. Bereits Monate vor der Wahl Donald Trumps erzählte der Ministerpräsident davon, wie tief ihn das Buch von George Packer über den ökonomischen Niedergang der amerikanischen Mittelschicht beeindruckt hat. Scheinbar beiläufig tat Weil das, doch auch solche Kleinigkeiten sollen bei ihm eine Botschaft transportieren: In der Staatskanzlei sitzt jemand, dessen Horizont nicht an der Nordseeküste endet, der ein Sensorium für gesellschaftliche Verschiebungen besitzt.

Dieses Gespür hilft Weil noch in einer weiteren Hinsicht. In diesen Tagen plakatiert die SPD im ganzen Land einen Ministerpräsidenten, der sanft vom Laternenpfahl herablächelt und mit dem Slogan „sturmfest und stark“ für sich wirbt. Eine Anspielung auf die inoffizielle Landeshymne ist das, in der die Niedersachsen als „sturmfest und erdverwachsen“ besungen werden. Sturmfest ist der SPD-Politiker jedoch noch in einem anderen als dem landläufigen Sinn: Weil weiß genau, wann er sich aus dem Wind drehen muss. Wenn der Sturm zu stark wird, reduziert er sofort die Angriffsfläche. Der sorgsam gepflegte Ruf der Bodenständigkeit täuscht bei ihm darüber hinweg, dass seine Amtszeit von zahlreichen Wenden durchzogen ist.

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