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FDP-Spitzenkandidat Birkner : Mann ohne Kohlensäure

Birkner (r.) muss seinem Freund Rösler die Karriere retten Bild: dapd

Stefan Birkner ist kein Typ, der Ruder herumreißt. Aber der Spitzenkandidat der FDP in Niedersachsen hat sich immerhin vorgenommen, ein Blatt zu wenden. Seinem Freund Philipp Rösler könnte er so die Karriere retten.

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          Ganz verwunden hat Stefan Birkner die Sache selbst Stunden später noch nicht. „Dann habe ich doch etwas falsch gemacht?“, fragt er - „vielleicht habe ich was Falsches gesagt?“ Eine herbe Niederlage hat Birkner am Vormittag im Landtag erlitten. Die Spitzenkandidaten der Parteien hatten sich im Plenum jeweils einem Sieger des Wettbewerbs „Jugend debattiert“ zu stellen. Ministerpräsident David McAllister, der blasse Spitzenkandidat der CDU, gewinnt sein Duell. Auch Stephan Weil, der blasse Spitzenkandidat der SPD, gewinnt sein Duell. Dann ist Birkner an der Reihe, der blasse Spitzenkandidat der FDP. Es geht um die Frage, ob es eine Volksabstimmung über die Einführung einer Schuldenbremse geben soll. Birkner vertritt die Position pro Volksabstimmung. Eine klare Sache, möchte man meinen: Bürger beteiligen, das ist immer gut.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Weit gefehlt. Denn Birkners jugendlicher Opponent mit dem Holzfällerhemd hat einen entscheidenden technologischen Vorsprung: Der Gymnasiast kann seine Stimme heben und senken und damit mit seinen Hörern in emotionalen Kontakt treten. Birkner macht das nicht. Er spricht mit dem Pathos einer automatisierten Bahnhofsdurchsage. Birkner ist kein Mann für Effekte; Birkner heißt Stefan. Birkner sagt: „Volksentscheide sind eine Ergänzung der repräsentativen Demokratie, um bestimmte Sachverhalte unter Berücksichtigung bestimmter festgelegter Quoren zur Abstimmung zu stellen, auch wenn die Sachverhalte sehr komplex sind.“ Das mag stimmen. Den politischen Eros kitzeln solche Sätzen nicht wach.

          Birkner ist ein Glas Volvic

          Nein, auf einen Birkner-Effekt analog zu dem Christian-Lindner-Effekt in Nordrhein-Westfalen oder dem Wolfang-Kubicki-Effekt in Schleswig-Holstein, wo die FDP trotz mieser Stimmung jeweils bravourös in den Landtag einzog, sollte die FDP am Sonntag in Niedersachsen besser nicht hoffen. Lindner ist Tae-Kwon-Do, Birkner ist Tai-Chi. Kubicki ist ein Fläschchen Perrier, Birkner ein Glas Volvic.

          Ein Steinwurf vom Landtag in Hannover entfernt steht der Nachbau des Hauses von Gottfried Wilhelm Leibniz. Im Jahr 1676 holte der Welfe Johann Friedrich den Philosophen nach Hannover. Leibniz zählt vermutlich zu den letzten ganz großen Geistern, in deren Gedankenwelt die Wahrheit und die Vernunft noch in einem recht unangefochtenen Verhältnis zueinander standen. Die Birkner-Welt scheint einer Leibniz-Welt in mancherlei Hinsicht zu entsprechen. Birkners Sachlichkeit, die in ihrer Unerschütterlichkeit schon fast aufreizend wirkt, scheint in einem tiefen Vertrauen in die Selbstdurchsetzungskraft der Vernunft zu wurzeln. Rhetorische Tricks oder taktische Finten hat die Vernunft auf ihrer Bahn gar nicht nötig. Höchstes Lob für eine Person auf der Birkner-Skala: „Ja, der ist super: sehr sachlich.“ Großes Missfallen auf der Birkner-Skala: „Das ist so unwahrhaftig. Zum Kotzen.“

          Mit Birkner auf der Fahrt nach Elmlohe. Wo liegt das? „Gute Frage. Wo liegt das?“ Oberhalb von Bremerhaven, sagt das Navigationsgerät, sagt der Fahrer. Nördlichstes Niedersachsen. Birkner schmökert auf der Rückbank in seinen Akten. Der 39 Jahre alte Birkner war in seinen sehr jungen Jahren als Staatsanwalt und Richter vor allem mit straffälligen Jugendlichen befasst. „Auch wenn man das der Öffentlichkeit oft schwer erklären kann: Da ist vorher immer schon viel schief gelaufen“, erzählt er. Für Birkner heißt Jugendstrafrecht nicht Strafe und Abschreckung, sondern, ganz im Sinne der Aufklärung: auf den rechten Pfad zurückführen. Ein entsprechend sozialpädagogischer Habitus haftet Birkner bis heute an. Ihm traut man zu, dass er auch eine Gruppe schwer Erziehbarer führt. Gewaltfrei, persönlich zugewandt, aber hartnäckig und unerschütterlich konsequent. Eine Aufgabe, an der sein Freund Philipp Rösler in der FDP bisher gescheitert ist.

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