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CDU-Kandidat Althusmann : Image-Suche im Merkel-Dilemma

Überhaupt muss Althusmann im Wahlkampf auffallend oft über sich selbst reden. Über seine einstigen Entscheidungen als Kultusminister. Über seine wenig stringenten Äußerungen hinsichtlich einer möglichen Koalition mit den Grünen. Zu hören ist auch die Klage, Althusmann stimme sich selbst in strategisch bedeutsamen Fragen nicht ausreichend in der Partei ab. Auch das ist ein Problem der niedersächsischen CDU im Wahlkampf. Die Partei hatte Althusmann vor einem Jahr zwar einstimmig zum Spitzenkandidaten bestimmt, doch anders als bei der SPD sind die Reihen der Partei im Wahlkampf nicht geschlossen. Mächtige Leute in der CDU sehen sich von Althusmann übergangen. Der Spitzenkandidat holte, das war eine mutige Entscheidung, Leute von außen und viele Frauen in sein Schattenkabinett.

Althusmann redet nicht über Koalitionen

Auch bei dem morgendlichen Gespräch in Althusmanns Wahlkreis südlich von Hamburg läuft es nicht rund. Althusmann ist bereits seit 4.30 Uhr auf den Beinen, er hat mit Pendlern gesprochen, die mit dem Zug aus Niedersachsen in die Hansestadt zur Arbeit fahren. Jetzt steht er an der S-Bahn-Station. Es regnet. Und er muss erkennen, dass seine Gesprächstermine mit Journalisten viel zu eng getaktet sind. Gleich beginnt auch noch seine Bürgersprechstunde. Althusmann packt die Journalisten in die Autos, fährt mit dem Tross in sein Wahlkreisbüro und improvisiert. Es ist einer der Momente, in dem der „Ich bin ein moderner CDU Politiker und kein Panzer“-Lack, den Althusmann sich für den Wahlkampf antrainiert hat, abblättert. Stattdessen kommt ein Mann zum Vorschein, der den ständigen Hinweis, dass er kein Panzer sei, eigentlich gar nicht nötig hat.

Althusmann bewältigt die Situation, indem er ganz ruhig bleibt. Auf den Druck, unter dem er selbst steht, will er nicht mit noch mehr Druck und Hektik reagieren. Althusmann nimmt sich Zeit, für die Journalisten wie für die Bürger. Auch mit Hinblick auf das Wahlergebnis wirkt Althusmann gelassen. Es kommt eben, wie es kommt. Althusmann verknüpft nicht sein Lebensglück damit.

Im Fernsehduell mit Stephan Weil am Dienstagabend war eine Mischung aus dem „Ich bin kein Panzer“-Spitzenkandidaten und dem ungekünstelten Bernd Althusmann zu erleben. Der Verzicht auf die Krawatte gehörte zum kalkulierten Part. Seine Ankündigung, über Koalitionsoptionen nicht sprechen zu wollen, und seine Ansage, Niedersachsen gleich für zehn Jahre regieren zu wollen, waren vermutlich ebenfalls im Vorhinein besprochen. Im Vorhinein besprochene Fehlgriffe. Doch während Weil in einigen Momenten eine merkwürdige Verbissenheit an den Tag legte, blitzten bei Althusmann an einigen Stellen etwas Gelassenheit und Humor auf. Das zeigte er nicht nur dort. In seinem Wahlkreis-Büro in Seevetal wird die Herrentoilette durch das Konterfei von Althusmann als solche ausgewiesen. Bei der Damentoilette ist es Ursula von der Leyen.

Noch ist offen, welches Ende das Drehbuch zur Landtagswahl 2017 nehmen wird. Die Schlusskapitel stehen noch aus. Der große Vorsprung im August hat wohl auch darüber hinweggetäuscht, dass Landtagswahlen in Niedersachsen in aller Regel sehr knapp ausgehen. Von entscheidender Bedeutung dürfte dieses Mal im Unterschied zur Wahl 2013 sein, welche Partei den höchsten Stimmenanteil erhält. Althusmann hat weiterhin die Chance, Weil als Ministerpräsident abzulösen. Sollte die CDU jedoch erkennbar hinter den Sozialdemokraten liegen, droht in der Partei eine Personaldiskussion, auch über den Landesvorsitzenden. Welches Szenario eintritt, bestimmen die Wähler. Bernd Althusmann wird mit dem Ausgang der Geschichte zu Rande kommen, so oder so.

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