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CDU-Kandidat Althusmann : Image-Suche im Merkel-Dilemma

Ein Grund für das Abschmieren der CDU liegt vermutlich darin, dass der Wahlkampf durch den Seitenwechsel von Elke Twesten eine emotionale Dynamik bekommen hat, die am 4. August niemand kalkulieren konnte. Diejenigen in der CDU, die damals vor einer Aufnahme Twestens in die Partei warnten, sehen sich im Nachhinein in ihren dunklen Ahnungen bestätigt. Denn Twesten hatte mit einigen unbedachten Sätzen am 4. August selbst den Verdacht genährt, sie könnte für ihren Wechsel Zusagen hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft erhalten haben. Dafür gibt es bis heute keinen Beleg, nicht einmal ein Indiz. Der SPD gelang es dennoch, dem CDU-Landesvorsitzenden Althusmann den Ruch eines Dunkelmanns anzuheften.

Wichtiger als das, was Elke Twesten in Hannover getan hat, dürfte jedoch gewesen sein, was Angela Merkel in Berlin nicht getan hat. Seit Jahresbeginn liefen CDU-Spitzenleute durchs Land und erzählten, die Kanzlerin werde dieses Mal einen ganz anderen Wahlkampf machen als in der Vergangenheit, viel kämpferischer und mit mehr Inhalten. Tatsächlich führte die Bundes-CDU denselben Beruhigungswahlkampf wie immer. Spätestens nach dem TV-Duell Anfang September rauschten die Umfragewerte der Partei in den Keller. Und der Abwärtstrend schlug voll auf Niedersachsen durch. Althusmann segelt nicht im Windschatten der Kanzlerin zum Sieg, sondern muss im Wahlkampf gegen einen gewaltigen Fallwind aus Berlin ankämpfen.

Von Merkel enttäuscht

Er lässt sich die Verärgerung darüber kaum anmerken. Er spricht von einer „Kommunikationslücke“, die es gegeben habe. Nach dem TV-Duell Merkel–Schulz habe die Bundes-CDU keine starken Botschaften mehr ausgesandt.

Doch nach der Wahl wurde es noch schlimmer. Merkels Satz „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssen“ ist zwar aus dem Zusammenhang gerissen worden. Verhängnisvoll für die niedersächsische CDU wirkte er dennoch. Althusmann gibt zu, dass nach der Wahl ein „Signal“ der Bundesebene hilfreich gewesen wäre, dass es „Fehleinschätzungen gegeben hat“. Man müsse sich als Politiker eben „prüfen“, ob „unsere Bewertung noch die Gefühlslage der Bevölkerung“ widerspiegelt.

Von Merkel distanzieren kann Althusmann sich jetzt nicht mehr. In der Landes-CDU hatte man sich daher früh darauf verständigt, Merkels Kurs im eigenen Wahlkampf nicht in Frage zu stellen. Das Beispiel der rheinland-pfälzischen CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner, die das getan hatte, stand warnend im Raum. Nun muss Althusmann darauf hoffen, dass Merkel die noch ausstehenden Termine im niedersächsischen Wahlkampf nutzt. Man dürfe nicht „anfangen, das Wahlergebnis schönzureden“, warnt Althusmann.

Für den Fall, dass die CDU bei der Landtagswahl am Sonntag schlecht abschneidet, erwartet man im niedersächsischen Landesverband aber ebenso, dass Althusmann sein eigenes Ergebnis nicht schönredet. Im Hintergrund wird in Hannover längst „Gesprächsbedarf“ angemeldet, was die Kampagnenführung anbelangt. Unmut hat sich angesammelt über die „Schnösel“ aus dem Wilfried-Hasselmann-Haus, der Parteizentrale im noblen Zooviertel. Dem Wahlkampf der CDU mangelt es sichtlich an Professionalität. Einen Live-Auftritt beim NDR verpasste Althusmann, nachdem man in der CDU das Aufnahmestudio Hannover mit dem Aufnahmestudio Hamburg des Senders verwechselt hatte. Althusmann verlieh der Sache ohne Not noch einen zusätzlichen, ungünstigen Dreh. Auf Facebook machte er die Baustellen im sozialdemokratisch regierten Hannover dafür verantwortlich, dass er es nicht in die Sendung schaffte.

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