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AfD überholt CDU : Wie die schwarze Hochburg Anklam fiel

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Schubert kann sich noch nicht einmal an dem Mann abarbeiten, der an ihm vorbeigezogen ist – er kennt ihn nämlich so gut wie gar nicht. Die AfD hat in Mecklenburg-Vorpommern einen lose zusammenhängenden Landesverband, mehr nicht. Erst recht kein Büro in Anklam. Um mehr über den Sieger dieser Wahl zu erfahren, muss man eine Dreiviertelstunde nach Nordwesten fahren, nach Greifswald. Dort, im hintersten Winkel eines Industriegebiets, neben einem Autohändler, hat die AfD im ersten Stock ein Büro von drei mal sieben Metern. An der Wand lehnen Plakate, auf ihnen steht: „Gute Arbeit, gute Rente“, „Polizei stärken“ und „Russlandsanktionen aufheben“. Größtenteils Themen, die nicht unmittelbar in Mecklenburg-Vorpommern entschieden werden.

„Ich bin ja wohl schon mal kein Nazi“

Matthias Manthei sitzt am Tisch und erzählt, wie man Wahlkampf mit tausend Euro macht. Manthei trägt Poloshirt und Sandalen, er ist 44 Jahre alt und Familienrichter in Greifswald. „Wenn auf dem Flyer ‚Manthei, Richter‘ steht, dann bin ich ja wohl schon mal kein Nazi.“ Mit 31,6 Prozent der Erststimmen hat er den Wahlkreis gewonnen. Geboren wurde er in Anklam, nach der Wende baute er dort die Junge Union mit auf. Zum Studium ging er in den Westen, dann kam er zurück. Die Parteien, auch die CDU, seien im Osten wie die SED gewesen – keine Diskussionen erlaubt, sagt Manthei. Das habe ihm irgendwann gereicht, und er trat vor knapp drei Jahren der AfD bei. Ein halbes Jahr später war er Ko-Chef des Landesverbands, jetzt zieht er als Direktkandidat ins Schweriner Schloss ein. Eine schnelle Karriere. Mit der CDU und ihrem Wahldebakel hat er kein Mitleid. Matheis Smartphone klingelt. Seit Sonntag ist er in ständigem Kontakt mit AfD-Spitzenkandidat Holm. Die AfD bastelt gerade am parlamentarischen Leben: Am Donnerstag soll die Fraktion gegründet werden, dann muss ein Fraktionsgeschäftsführer gewählt werden. Der wiederum muss Stellen für Mitarbeiter ausschreiben. Manthei grübelt. „Jemanden aus Greifswald nach Schwerin zu holen ist nicht leicht.“ Greifswald liegt in Vorpommern, Schwerin in Mecklenburg, das ist ein bedeutender Unterschied.

Matthias Manthei

Manthei plant, in Anklam ein Büro zu eröffnen. Der Bürgermeister freut sich nicht darauf. Es ist gut möglich, dass er dem AfD-Mann zum Wahlsieg verholfen hat, obwohl er den eigentlich verhindern wollte. Wenige Wochen vor der Landtagswahl sollte Frauke Petry, die Ko-Vorsitzende der AfD, in Anklam bei einer Wahlveranstaltung auftreten. Der Bürgermeister äußerte Sicherheitsbedenken, wollte aber eigentlich vor allen Dingen den Auftritt unterbinden. „Die AfD knüpft von Anklam aus ihr blaues Band“, sagt der Bürgermeister. Vor Gericht setzte sich die AfD durch. Zu der Veranstaltung mit Petry kamen mehr als 200 Leute. „Das hätte für uns nicht besser laufen können“, sagt Manthei zurückblickend. Die neue AfD-Fraktion wird aus überwiegend ehemaligen CDU-Mitgliedern bestehen. Manthei selbst ist kein Radikaler. Das macht es für die anderen Parteien so schwierig. Bei der NPD war das klar: Mit denen spricht man nicht. Mit der AfD wird das so einfach nicht sein. „Ich bin ratlos“, sagt der Anklamer Bürgermeister. „Ich weiß auch nicht, wie das wird“, sagt CDU-Mann Schubert. „Das wird alles sehr, sehr interessant“, sagt der AfD-Abgeordnete Manthei.

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