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AfD überholt CDU : Wie die schwarze Hochburg Anklam fiel

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Da nutzt es auch nichts, dass hinter dem älteren Ehepaar auf dem Marktplatz die Baukräne in die Luft ragen und unter ihren Schuhen das frischverlegte Pflaster knirscht. Die Arbeitslosigkeit wurde in den vergangenen Jahren nahezu halbiert. Anklam geht es besser, aber immer noch nicht gut. Am Stadtrand gammeln ganze Straßenzüge vor sich hin. Die großen Parteien, SPD und CDU, haben das auch mehr als 25 Jahre nach der Wende nicht in den Griff bekommen. Die Stadt wird seit Jahren von einem parteilosen Bürgermeister regiert, dessen „Initiativen für Anklam“ eine Vereinigung von Unternehmern ist. Er ist bewusst in keine Partei eingetreten.

Als „Kümmerer“ gilt in der Stadt ein NPD-Mann, die rechtsextreme Partei hat ihre Landeszentrale in Anklam und erzielte in den vergangenen Jahren immer hohe Werte. Landesweit hat sie es nun nicht mehr über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft, in Anklam wählten noch 6,4 Prozent der Wähler mit der Zweitstimme NPD. Über viele Jahre sind fremdenfeindliche Worte und Sätze ins Stadtgespräch gesickert, beim Bäcker, an der Supermarktkasse, im Gasthof. Die Sätze der AfD, wie sie zum Beispiel der Spitzenkandidat Leif-Erik Holm im Wahlkampf losließ – „1989 hätte man uns als Konterrevolutionäre bezeichnet“ oder „Im Kanzleramt wackeln die Wände“ –, fielen da fast schon gar nicht mehr auf. Anklam wird immer mehr zu einer unpolitischen Stadt, in der den klassischen Parteien misstraut wird und nur das Gefühl herrscht.

Ein lose zusammenhängender Landesverband

Insgesamt drei Direktmandate konnte die AfD aus dem Stand bei ihrer ersten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gewinnen, alle in Vorpommern. Sie ist zwar nicht, wie die etablierten Parteien befürchteten, stärkste Kraft geworden, aber an der CDU vorbeigezogen. Der Mann mit der Enkelin auf dem Arm hält sich zurück mit Beleidigungen gegenüber Flüchtlingen oder der Bundeskanzlerin. Er benutzt das Wort „Denkzettel“. Er hofft, dass die etablierten Parteien jetzt tatsächlich einmal nachdenken, er versteht sein Kreuz als Protest. Er wirkt fast erleichtert, als habe er endlich einen Weg gefunden, seiner Wut Ausdruck zu verleihen. In fünf Jahren will der Mann gerne wieder CDU wählen, so wie früher auch. „Aber dazu muss sich etwas ändern.“

Der CDU-Mann Schubert sitzt in seinem Wahlkreisbüro und seufzt. „Ich hoffe auch, dass sich etwas ändert.“ Schon bei der Wahl vor fünf Jahren hat die CDU im Nordosten schlecht abgeschnitten. Eine Analyse, warum das so war, gab es damals nicht. Als am Abend des Wahltages Bundesinnenminister Thomas de Maizière, ein Parteifreund Schuberts, vor die Presse trat und erklärte, das Erstarken der AfD habe nichts mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu tun, hat sich Schubert aufgeregt. Er regt sich noch immer auf. „Das kann doch wohl nicht wahr sein.“ Schubert ist noch ehrenamtlicher Bürgermeister in einem Ort in der Nähe, das wird er weitermachen. Für den Landtag wird er in fünf Jahren nicht mehr kandidieren. Sein Mitarbeiter, dessen Arbeitsvertrag Ende des Monats ausläuft, muss sich jetzt nach einer anderen Tätigkeit umschauen. Fünf Jahre haben er und Schubert zusammengearbeitet. „Ich werde mich nicht schmollend zurückziehen“, sagt Schubert. Dann schweigt er einen Moment. Und schluckt. „Dass ich verloren habe, ist nicht das Schlimmste. Aber die Leute beschämt zu haben, die mich unterstützt haben.“

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