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Mecklenburg-Vorpommern : Die versteckte Schönheit eines Landes

Ruhig und beschaulich: der Platz um das Rathaus von Teterow Bild: privat

Mecklenburg-Vorpommern wählt einen neuen Landtag. Die Region zwischen Ostseeküste und Seenplatte ist nicht nur trist und ein Hort für Neo-Nazis, wie es oft heißt. In Teterow lässt sich die versteckte Schönheit dieses Bundeslandes erahnen und fühlen.

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          Die geografische Mitte von Mecklenburg-Vorpommern fällt auf die kleine Stadt Teterow. Die Mitte ist auf dem Marktplatz mit einer Metallplakette markiert. Teterow gehört zwar zu Mecklenburg, aber das ist nebensächlich. Erstens weil es auch schon mal zu Pommern gehörte, wenn auch vor langer Zeit, im 12. Jahrhundert. Und zweitens weil Teterow für das ganze Land steht, das an diesem Sonntag einen neuen Landtag wählt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wer sich nach Teterow aufmacht, dem fällt schon unterwegs auf, was charakteristisch für das gesamte Land ist: die Schönheit der Landschaft, eine Errungenschaft der jüngsten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren. Teterow liegt inmitten der Mecklenburgischen Schweiz. Die Berge hier sind freilich nur Hügel, fallen aber doch auf, vor allem den Fahrradtouristen.

          Die etwa 100 Meter hohen Heidberge gelten als höchste Erhebung weit und breit. Prompt gibt es dort eine Aussichtsplattform. Weit sind die Wälder, viele Seen leuchten dazwischen. Menschenleere und Stille. Hohe Himmel am Tag und echte Dunkelheit in der Nacht. Dafür ist die nächste Autobahn ein ganzes Stück weit entfernt. Auch das Meer, die Strände der Ostsee, sind weit weg. Eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt erhebt sich inmitten des Teterower Sees – der Burgwall. Der stammt aus der Slawenzeit.

          Mecklenburg-Vorpommerns Kulturlandschaft ist ein Ergebnis der slawischen Besiedlung. Die begann in der langen Zeit der Völkerwanderung, als sozusagen das Europa des Mittelalters in Migrationsströme geboren wurde. Im Teterower See hatte der Stamm der Zirzipanen seinen Mittelpunkt, der wiederum ein Teilstamm der Liutizen war, denen in der Forschung gelegentlich eine „kriegerische, größenwahnsinnige und Überlegenheit vortäuschende Form des Ethnozentrismus“ unterstellt wurde. Die Slawen gerade im Gebiet um Teterow widersetzten sich lange der Christianisierung.

          Die Pfeife des Feldmarschalls

          Bis Heinrich der Löwe, viel Militär und die neuen Bischöfe kamen. Von der Burg im See aus wuchs die Stadt, beinahe kreisrund. Zwei Backsteinstadttore stehen noch da, das Malchiner und das Rostocker Tor. Auch das ist ein typischer Fall in Mecklenburg-Vorpommern. Die slawischen Namen blieben mit ihren ow-Endungen wie bei Teterow selbst, aber auch den Ortsteilen Teschow (der Golfplatz) und Pampow (eines der drei Gewerbegebiete).

          Teterow lebte jahrhundertelang von der Landwirtschaft. Es ist eine Ackerbürgerstadt, wie so viele sich durch das gesamte Land ziehen. Sie sind oft daran zu erkennen, dass ihre Scheunen am Ortsrand stehen, sozusagen auf halber Strecke zwischen der Feldflur und dem heimischen Herd. In Teterow führte das, wie der plattdeutsche Dichter Fritz Reuter erzählt, zu einem köstlichen Missverständnis. 1816 hatten die Teterower ihren Stadtdiener bei den Scheunen postiert, damit er rechtzeitig Bescheid gäbe, wenn der berühmte Marschall Blücher herankomme.

          Blücher kam, aber mit einer Tabakpfeife im Mund, was den Stadtdiener zu dem Ausruf veranlasste: „Hier ward nich rookt, bi de Schüns! Dat kann Fuer geben!“ Die Pfeife des Feldmarschalls wurde konfisziert. Blücher fuhr belustigt weiter: „Wat futsch is, is futsch.“ Die Honorationen der Stadt warteten im Rathaus vergeblich auf Marschall Vorwärts. Und schuld war der Brandschutz. Der Sache gewidmet ist noch heute das Blücherdenkmal in der Stadt. Es zeigt eine Tabakpfeife mit Tabakbeutel.

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