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Wahl in Hessen : Ypsilanti als Menetekel - Bouffier als „Höchststrafe“

  • -Aktualisiert am

Die Fehler seiner Vorgängerin hat will Thorsten Schäfer-Gümbel partout vermeiden - ein Bündnis mit Bouffier bringt ihn ins Grübeln Bild: dpa

Nach dem Wahlkrimi in Hessen ist Schwarz-Gelb zwar abgewählt, die Regierungsbildung aber völlig unklar. SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel hatte fünf Jahre Zeit, sich beim Kampf um die Macht auf die „hessischen Verhältnisse“ einzustellen.

          Man kann nicht zweimal mit demselben Kopf durch dieselbe Wand. Diesen Ratschlag hatte der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck Ende März 2008 vergeblich den hessischen Genossen mit ihrer sturköpfigen Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nach deren erstem Versuch gegeben, mit Hilfe der Linkspartei an die Macht zu kommen. Fünf Jahre nach Ypsilantis zweitem Versuch, mit demselben Kopf dieselbe schwarz-gelbe Wand im Hessischen Landtag zu durchstoßen, will und muss es ihr Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel klüger anstellen.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Fünf Jahre hatte Schäfer-Gümbel Zeit, sich mit Planspielen auf das Szenario einzurichten, dass es nach 1983 und 2008 im nächsten Jahr nun schon zum dritten Mal „hessische Verhältnisse“ mit unklaren Mehrheiten und einer komplizierten Regierungsbildung geben wird. Wie schon Ypsilanti hatte es auch Schäfer-Gümbel als eines seiner politischen Hauptziele erklärt, die Linkspartei als lästige Konkurrenz und Mehrheitsverhinderin von Rot-Grün aus dem Landtag fernzuhalten.

          Doch wie Andrea Ypsilanti muss auch Schäfer-Gümbel den Sonderfall  zur Kenntnis nehmen, dass die Linkspartei im wirtschaftlich starken Flächenland Hessen für Protest- und ehemalige SPD-Wähler attraktiver ist als in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, wo sie in den Landtagen nur ein kurzes parlamentarisches Gastspiel gab.

          „TSG“ führt SPD aus dem Tal der Tränen

          Aber immerhin hat der einst als Nobody und Lückenbüßer  verspottete „TSG“ die SPD nach dem Neuwahldebakel 2009 mit einem Zuwachs von sieben Prozentpunkten aus dem Tal der Tränen geführt. Als seine ureigene Leistung kann Schäfer-Gümbel auch darauf verweisen, dass er sich mit einem erfolgreichen Wahlkampf dem Abwärtstrend der SPD im Bund erfolgreich entzogen hat und die Sozialdemokratie in Hessen wieder über die 30-Prozent-Marke gehievt hat.

          Doch wie sich in einem Wahlkrimi bis in die frühen Morgenstunden herausstellte, ist in Hessen Schwarz-Gelb zwar abgewählt, aber rechnerisch immer noch stärker als Rot-Grün. Es ist die gleiche Lage wie in der Nacht zum 28. Januar 2008, als Andrea Ypsilantis Traum vom rot-grünen „Politikwechsel“ platzte. Damals konnte die SPD nur dank des knappen Einzugs der Linkspartei ihre Machtoption wahren, die sie dann im Laufe eines politischen turbulenten Jahres wieder verspielte. Ebenfalls auf den letzten Metern waren CDU und FDP in der Wahlnacht 2008 doch noch stärker geworden als SPD und Grüne zusammen.

          Einen Fehler seiner Vorgängerin hat Schäfer-Gümbel im Wahlkampf partout vermeiden wollen. Anders als Ypsilanti wollte er eine Zusammenarbeit der Linkspartei öffentlich nicht vollständig ausschließen, um seine politische  Handlungsfähigkeit nach der Wahl nicht einzuschränken und sich dem Vorwurf des „Wortbruchs“ auszusetzen. Doch im Endspurt des Wahlkampfs hat sich Schäfer-Gümbel verstolpert. Aus Angst vor einer erfolgreichen Warnkampagne vor Rot-Rot-Grün ließ er erkennen, dass er sich nicht von der Linkspartei zum Ministerpräsidenten wählen lassen werde.

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