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Wahlkampfreportage aus Hessen : Wo alte Hochburgen fallen und neue entstehen

Wahlkampf in der Straßenbahn: Patrick Hartmann steigt um. Bild: Timo Steppat

Roter Norden, schwarzer Süden: Die Zeiten, in denen die Machtverhältnisse in Hessen übersichtlich waren, sind am Sonntag vorbei. Das Land hat sich sehr verändert. Das merkt man im Wahlkampf auf der Straße.

          Hessen ist ein wunderschönes Bundesland, nur leider sieht man das nicht immer. Selbst die Bäume, und von denen hat Hessen wirklich viele, verschwinden an diesem Morgen in einer Nebelsuppe. Durch die graue Landschaft fährt der RB 50. Nächster Halt Flieden in Osthessen im Landkreis Fulda. Am Bahnsteig stehen Männer in dunklen Mänteln, Frauen in hohen Schuhen und Studenten mit Rucksäcken. Die Regionalbahn ist rappelvoll. Die Fenster beschlagen leicht.

          Es ist eine urtypische hessische Szene: Menschen fahren mit dem Zug vom Land in die Stadt zur Arbeit. Es gibt Landkreise, die sich tagsüber zur Hälfte entleeren, weil die Bewohner nach Fulda, Hanau oder Limburg pendeln. Frankfurt wächst darüber am Tage auf seine doppelte Größe an und wird zur Millionenstadt. Die Hessen, auch wenn sie ein Volk der Kleinstaatler sind, bewegen und begegnen sich und müssten sich eigentlich ganz gut kennen. Und doch liegen zwischen Flieden und Frankfurt nicht nur 70 Pendlerminuten, sondern mindestens fünf Mentalitäts- und Geschwindigkeitsstufen.

          „Die Leute werden optisch immer schicker, umso näher der Zug Frankfurt kommt“, sagt Walter Goch. Er ist 56 Jahre alt und arbeitet in einem Ingenieurbüro. Auf der Arbeit falle seine Herkunft nicht weiter auf, nur ab und an rutscht ihm ein osthessisches Wort raus, was ein bisschen altertümlicher und holpriger klingt als der übrige Dialekt. Erst vor wenigen Wochen fand in Flieden der „Tag der Regionen“ statt. 80 Vereine und Verbände präsentierten sich. Viele Besucher trugen Tracht. Das Motto lautete: „Weil Heimat lebendig ist.“ Der Bürgermeister sagte, Regionen müssten als Stabilitätsfaktoren in einer globalisierten Welt aufgewertet werden.

          Wo Politik und CDU nahezu das gleiche bedeuten

          Goch nervt die tägliche Pendlerei. Aber er habe nie daran gedacht, mit seiner Familie nach Frankfurt zu ziehen. Frankfurt sei für ihn hektisch, geschäftig, teuer, glitzernd und oberflächlich. Münchnern, Kölnern oder Berlinern könnten keine schlimmeren Klischees über Frankfurt einfallen. Letztens, erzählt Goch, sei er bei einem Kollegen im Nordend zum Essen eingeladen gewesen. Dort habe es einen „shared space“ gegeben, die Straße habe allen gleichberechtigt gehört, Autofahrern, Fahrradfahrern und Fußgängern. „Ein Irrsinn, der einem nur einfallen kann, wenn man grün ist und zu viel Zeit hat“, sagt Goch.

          Wer aus der Region Fulda kommt, wo die Worte „Politik“ und „CDU“ nahezu das gleiche bedeuten, für den sind die Grünen oft noch die Öko-Spinner, die Autos verbieten und Kühe auf der Flughafenlandebahn grasen lassen wollen. Nur hat das mit den Grünen, wie sie tatsächlich heute Politik und Wahlkampf machen, nicht viel zu tun, vor allem im Rhein-Main-Gebiet. Die Bahnstrecke Fulda-Frankfurt soll ausgebaut werden – da sind sich der hessische grüne Verkehrsminister Tarek Al-Wazir und der zuständige Bundesminister von der CSU, Andreas Scheuer, einig. Das ganze Projekt schimmert zwar grün, ist aber auch praktisch. Auch deswegen sind die Grünen so erfolgreich. Sie haben Aussichten, am Sonntag in Hessen so stark zu werden wie noch nie. Sie könnten mehrere Wahlkreise gewinnen. Einen in Frankfurt, aber zum Beispiel auch einen oder zwei in Darmstadt, ein paar Kilometer südlich.

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