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Wahl in Hessen : Sein Name war Nobody

Thorsten Schäfer-Gümbel Bild: David Smith

Thorsten Schäfer-Gümbel wurde wegen seiner Brille verhöhnt. Er machte einfach weiter. Jetzt ist er Spitzenkandidat der hessischen SPD und steht nicht nur bei den Wählern hoch im Kurs.

          Schäfer-Gümbels Job: verprügelt werden. Am Abend des 7. November 2008 rief ihn Andrea Ypsilanti an. Er solle Spitzenkandidat werden für die Wahl in zwei Monaten. Die SPD hatte keine Chance, wegen Ypsilanti. Schäfer-Gümbel erbat sich Bedenkzeit. Er rief seine Frau an. Annette Gümbel fragte ihren Mann, ob er sie noch alle habe. Als Schäfer-Gümbel nach Hause kam, redeten die beiden lange. Am nächsten Tag war die Kandidatur offiziell.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Schäfer-Gümbel, damals 39 Jahre alt, war Vize-Chef des SPD-Bezirks Hessen-Süd und Landtagsabgeordneter. Außerhalb der hessischen SPD kannte man ihn nicht. Ypsilanti hatte abgewirtschaftet, die mächtigsten Sozialdemokraten in Hessen waren jetzt: Gernot Grumbach, Landesvize und Chef von Hessen-Süd, und Manfred Schaub, Landesvize und Chef im Norden. Aber die wollten natürlich nicht: verprügelt werden. Also Schäfer-Gümbel.

          Die „Financial Times Deutschland“ nannte ihn einen Mann für zehn Wochen. Sein Gesicht sei das der Niederlage. Die Medien schossen sich auf seinen Namen ein: Pümpel, Dümpel, Gümbeln, Simpel - und auf sein Aussehen. Vor allem die Brille.

          Zeit: „Ist es der Name, der so badewannengleich nach Müller-Lüdenscheid klingt? Ist es die zu kleine Brille, die das Konturlose seiner Gesichtszüge ins Riesenbabyhafte dehnt?“ Tagesspiegel: „Schäfer-Gümbel ist kurzsichtig, das qualifiziert ihn grundsätzlich für hohe politische Ämter. Nur hat er das passende Brillengestell noch nicht gefunden.“ In der F.A.Z. verkündete ein Optikermeister: „Das ist ein Unding, was der Mann da in seinem riesengroßen Gesicht hat.“ Denn: „Bei Schäfer-Gümbels Brille kommen 80 Prozent Untergesicht raus, mit so einer kleinen schmalen Denkbeule obendrauf. Der Oberkopf sieht bei ihm aus - da will man sofort mit einem Grafikprogramm dran! Sein Imageberater sollte sich bis zum 18. Januar auch mal um seine Frisur kümmern.“ Auf die Frage, was Schäfer-Gümbel ändern müsste, antwortete der Fernfachmann: „Wenn man Schäfer-Gümbel auf fünf Dioptrien runterlasern könnte, dann könnte er eine größere Brille nehmen, die ihm besser steht.“

          Thorsten war zwanzig, als die Welt verschwamm. Sein Augenarzt stellte fest, dass die Netzhaut im rechten Auge sich abgelöst hatte. Der junge Mann musste sofort ins Krankenhaus. Dort bekam er eine Brille, die statt der Gläser nur ein einziges stecknadelkopfkleines Loch hatte und auch an den Seiten vollkommen verschlossen war. Durch die winzige Öffnung drang ein Lichtschimmer, darauf konzentrierte Thorsten sich. Seine Pupille war fixiert.

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          Die Ärzte zerschnitten die Bindehaut und drehten das Auge, bis sie die Stelle erreichten, an der die Netzhaut sich abgelöst hatte. Dann dellten sie den Augapfel ein, wie eine Pflaume. Mit einer Manschette befestigten sie die Beule. Die Operation verlief gut, aber Thorsten Schäfer verlor einen Teil seines Gesichtsfelds. Das hat jetzt eine Delle, wie sein Auge. Bei der Kontrolle merkten die Ärzte, dass sich auch links die Netzhaut abgelöst hatte. Sie mussten noch einmal operieren. Auch das linke Auge drückten sie ein.

          Dieses Mal nähten sie Plomben, kleine Polster aus Kunststoff, auf den Augapfel. Thorsten lag drei Wochen im Krankenhaus. Er durfte nicht den Kopf beugen, konnte sich nicht einmal waschen. Er sagt, es sei eine schreckliche Zeit gewesen. Drei Wochen Finsternis. Und Langeweile. Er bekam eine Lupe. Mit ihr konnte er zumindest lesen, Zeile für Zeile. Die Heilung dauerte ein halbes Jahr. Seither schielt Schäfer-Gümbel. Er braucht Prismengläser, die das ausgleichen.

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