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Wahl in Hessen : Sein Name war Nobody

Mit 16 trat er in die SPD ein

Nach wenigen Tagen als Spitzenkandidat hörte er auf zu lesen, was über ihn geschrieben wurde. Er konzentrierte sich auf andere Dinge, und er schaffte es in wenigen Wochen, dass Journalisten anders über ihn schrieben. Die Texte endeten jetzt mit Sätzen wie: „Er wird überleben.“ Wie hat Schäfer-Gümbel das geschafft? Er sagt, er habe etwas in sich, das ihm Kraft gebe: einen Ruhepol. Vielleicht, weil „ich schon immer extrem viel Verantwortung hatte“.

Thorsten wuchs in der Gießener Nordstadt auf, in einem Arbeiterbau aus den vierziger Jahren. Er teilte sich ein Zimmer mit seinen beiden kleinen Brüdern, nebenan schlief die Schwester. Am Esstisch diskutierte der Vater oft mit dem Großvater. Sie stritten über Willy Brandt und Helmut Schmidt, über Flüchtlinge und Gerechtigkeit. Thorsten ging aufs Gymnasium, nicht viele Kinder aus seinem Viertel machten das. Ein Lehrer hatte sich für ihn eingesetzt, der Vater hatte schließlich zugestimmt. Seine Noten waren durchschnittlich. Er war ein Sonderling, schmächtig und feminin. Nicht modisch, mit Glasbausteinen vor den Augen.

Thorsten war 13 Jahre alt, als sein Vater ins Krankenhaus musste. Die Bauchspeicheldrüse fraß sich selbst auf. Die Ärzte konnten nicht sagen, ob der Vater überleben würde. Ein halbes Jahr lag er im Krankenhaus. Thorstens Mutter kämpfte darum, dass ihr Mann wieder zur Familie zurückkehrte. Sooft sie konnte, war sie im Krankenhaus. Thorsten musste auf seine Geschwister aufpassen.

Über seine Kindheit sagt Schäfer-Gümbel: „Wer genau hinguckt, der weiß, dass das Leben schwierig und hart sein kann.“ Und er sagt: „Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich so diszipliniert bin.“ Mit 16 trat Thorsten in die SPD ein. Nach der Schule studierte er, zunächst Agrarwissenschaften, dann Politik. In einem Seminar lernte er Annette Gümbel kennen.

Wenn Schäfer-Gümbel über seine Familie spricht, dann sieht er glücklich aus. Und stolz. Annette Gümbel und er haben drei Kinder. Sie wohnen in Birklar, einem kleinen Ort bei Gießen. Für seine Frau und seine Kinder hat Schäfer-Gümbel immer Zeit.

Schäfer-Gümbel: Hoffnungsträger und Trümmermann

Er ist ein Familienmensch - wie sein Konkurrent Volker Bouffier. Die beiden haben aber mehr gemeinsam. Beide sind in Gießen groß geworden, und: Beide haben eine Leidensgeschichte. Bouffier hatte 1973 einen Autounfall. Er musste einem anderen Wagen ausweichen, nahm ein paar kleine Bäume mit und knallte gegen eine Mauer. Das linke Bein war zertrümmert, der Rückspiegel hatte fast seinen Kopf gespalten, Halswirbel waren angeknackst. Bouffier bekam Löcher in den Schädel gebohrt, Gewichte wurden darangehängt, um seine Wirbel auseinanderzuziehen.

Erst zwei Jahre nach dem Unfall konnte er wieder stehen. Bouffier hat die Geschichte seines Unfalls dem „Cicero“ erzählt. „Zäher Bursche“ heißt das Porträt über den hessischen Ministerpräsidenten. Als er die Nachfolge von Roland Koch antrat, stand über ihn in der „tageszeitung“: „Volkwart Dings. Nein, Volkmar Bufier. Oder Volker Buffjeh? Also, wie hieß das Ding?“ Das ist noch eine Gemeinsamkeit.

Bei der Landtagswahl 2009 kämpften beide gegeneinander um das Direktmandat. Bouffier gewann. Für die hessische SPD war die Wahl eine Katastrophe. Ypsilanti trat am Wahlabend als Landes- und Fraktionsvorsitzende zurück. Schäfer-Gümbel übernahm die Ämter. Er löste die sich bekämpfenden Flügel in der Fraktion auf, vermittelte zwischen links und rechts, betonte, dass niemand allwissend sei. Und er gestand Fehler ein. Er trieb an, und er ließ gewähren. Schäfer-Gümbel war der große Bruder, der sich kümmerte, Vertrauen und Glaubwürdigkeit wiederherstellte. Sein Thema: die Gerechtigkeit. Vier Jahre später ist sie es noch immer. Sein Wahlkampfmotto lautet: „Gerechtigkeit macht stark“.

Schäfer-Gümbel ist jetzt der „Hoffnungsträger“ und der „Trümmermann“. Er trägt eine modische Ray-Ban-Brille. Aber ums Aussehen geht es nicht mehr. Und einen anderen Job hat er auch schon lange.

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