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TV-Duell zur Hessen-Wahl : Konterspiel im Fernsehstudio

Spitzenkandidaten: Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) und Volker Bouffier (CDU) Bild: Cunitz, Sebastian

Das Duell der hessischen Spitzenkandidaten Volker Bouffier und Thorsten Schäfer-Gümbel verlief unerwartet angriffslustig. Selbst der Moderator wurde kritisiert. Der wiederum musste dem Langredner Bouffier immer wieder das Wort entziehen.

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          Die Lücke in der Verteidigung des Gegners hat der frühere Basketballspieler Volker Bouffier schon vor dem Zweikampf erkannt. Gerade noch hat Moderator Alois Theisen vom Hessischen Rundfunk zu Beginn des Fernsehduells die Zuschauer stolz auf das Fehlen kleinlicher und einengender Regeln hingewiesen, da geht der Ministerpräsident mit dem Recht des ersten Wortes schon zum Angriff auf seinen SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel über und reißt das Spiel an sich.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Die spitze Frage nach dem fehlenden Amtsbonus auch nach drei Jahren Regierungszeit umschifft Bouffier mit dem Hinweis auf stetig steigende Umfragewerte für seine CDU und die „extrem erfolgreiche Aufholjagd“ neun Tage vor der Landtagswahl. „Aber nichts ist entschieden, die Lager sind dicht beieinander“, sagt er und weist zugleich auf die für ihn maßgebliche Umfrage hin, in der die Linkspartei erstmals mit fünf Prozent wieder für jene hessischen Verhältnisse sorgen könnte, die Schäfer-Gümbels Vorgängerin Andrea Ypsilanti und der SPD 2008 zum Verhängnis wurden. „Denn das ist die entscheidende Frage: Werden wir eine stabile Regierung haben oder Rot-Rot-Grün unter Schäfer-Gümbel?“

          Dialektische Volte

          Die Chance für Bouffier, gleich zu Beginn des Streitgesprächs zuzuspitzen, hatte Schäfer-Gümbel eine Woche zuvor selbst mit einer taktischen Kehrtwende eröffnet, bei der manche in der Partei vor Schreck die Luft anhielten. In einer Podiumsdiskussion hatte er zwar zu erkennen gegeben, dass er sich bei unklaren Mehrheitsverhältnissen nicht von der Linkspartei zum Ministerpräsidenten wählen lassen werde, aber zugleich eine Koalition „formal“ nicht ausgeschlossen. Dieses dialektische Verhältnis Schäfer-Gümbels zur wichtigsten Koalitionsfrage von allen nutzte Bouffier, um die in allen Umfragen von den Wählern hoch eingestufte Glaubwürdigkeit des SPD-Manns frontal in Frage zu stellen: „Wie Ypsilanti waren Sie damals ein entschiedener Befürworter von Rot-Rot-Grün. Daran hat sich doch nichts geändert.“

          Schäfer-Gümbels dialektische Volte bei der Koalitionsfrage wusste Bouffier auszunutzen

          Schäfer-Gümbel, der in den 75 Minuten weitgehend den Part des ruhigen Defensivspielers übernahm, schien überrascht zu sein von dem Angriffsspiel Bouffiers. „Ich habe seit fünf Jahren gesagt, ich will eine rot-grüne Regierung“, konterte er eher lahm. Die von Bouffier geweckte Erinnerung an den Wortbruch Ypsilantis versuchte er mit dem Eingestehen eines „kapitalen Fehlers“ abzumildern, für den die SPD zu Recht „abgestraft“ worden sei. Die Lehre daraus sei, „formal“ nichts mehr auszuschließen, sondern nur noch „politisch“. Diese wohl nur wenigen Zuschauern verständliche dialektische Volte nutzte Bouffier für ein Angebot, dass seit Uwe Barschels Auftritt 1987 nicht wirklich ein Erfolgsrezept zur Wiederherstellung von Glaubwürdigkeit ist. „Sie haben jetzt die Chance zu sagen: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich regiere nicht mit der Linken. Sie könnten doch einfach sagen, ich lasse mich nicht von denen zum Ministerpräsidenten wählen“, sagte Bouffier.

          In seiner Angriffslaune machte Bouffier auch vor Moderator Theisen nicht halt, der im Hessischen Rundfunk rot-grüner Neigungen seit Jahren ganz und gar unverdächtig ist. Als Theisen ihn fragte, wie glaubwürdig es denn sei, wenn er als früherer „Frontmann der Kampftruppe Hessen-CDU“ sich nun im Wahlkampf als „weichgespülter“ Ministerpräsident präsentiere, reagierte Bouffier gereizt. „Sie kennen mich seit vielen Jahren, Sie können sich die Frage selbst beantworten. Persönlich habe ich mich nicht geändert, das wissen Sie!“ Als Ministerpräsident sehe er sich nicht als „oberster Spalter“ in Hessen. „Ich will möglichst viele Menschen mitnehmen.“

          Immer wieder musste Theisen dem Langredner Bouffier das Wort entziehen - sowohl bei den Themen Steuerpolitik und Schule als auch beim Länderfinanzausgleich, seinem Lieblingsthema an diesem Abend. Bouffier selbst war zufrieden mit seinem Auftritt, wie er hinterher sagte: „Als Basketballspieler habe ich gelernt, man muss sofort ins Spiel kommen.“

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