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Sondierungsgespräche in Hessen : Das grüne Bauchgefühl

Volker Bouffier (hinten) und Tarek Al-Wazir Bild: dpa

Vor fünf Jahren hielten die Grünen in Hessen es noch für ein unsittliches Angebot, mit der CDU zu reden. Jetzt können sie den Beginn der Sondierungsgespräche an diesem Montag kaum erwarten.

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          Am Dienstagvormittag nach der hessischen Landtagswahl saß die grüne Fraktion zusammen, die Stimmung war nicht so toll. Die Partei hatte ihre Wahlziele verfehlt, keine Mehrheit für Rot-Grün, keine Stimmengewinne, drei Abgeordnete verloren. Als sarkastisch beschreibt einer die Gemütslage. Um Viertel vor elf ging die Tür auf. Ein Brief wurde hereingebracht. Von Volker Bouffier. Der Ministerpräsident, den die Grünen abwählen wollten, lud als CDU-Chef zu einem Gespräch über eine Regierungskoalition. Schallendes Gelächter.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Den Grünen kam die Szene vor wie ein Déjà-vu. Nach der Landtagswahl Anfang 2008 war es genauso gelaufen: gleicher Tag, gleiche Uhrzeit. Nur dass der Absender Roland Koch hieß. Und niemandem zum Lachen zumute war. Koch galt als Verkörperung des Bösen, der Wahlkampf war hart und ruppig gewesen. Tarek Al-Wazir, der grüne Fraktions- und Parteichef, keilte sofort zurück: Ein „unsittliches Angebot“ sei das, es müsse wohl mal einer aus der CDU Koch erklären, dass er die Wahl verloren habe. Nichts lag den Grünen ferner als der Gedanke, sich mit ihrem Erzfeind an einen Tisch zu setzen.

          Diesmal sendet Al-Wazir eine andere Botschaft: Er will mit allen Parteien sondieren. Und er will eine „stabile Koalition“. Das ist eine ziemlich klare Ansage. Eine Minderheitsregierung, toleriert durch die Linke, so wie SPD und Grüne es 2008 vorhatten, scheidet aus – damals zerbrach sie schon vor der geplanten Wahl Andrea Ypsilantis. Aber auch die beiden anderen Optionen, die rechnerisch möglich sind, sprechen nicht für stabile Verhältnisse. Ob SPD und Grüne nun mit der Linken zusammengehen oder mit der FDP, sie hätten immer nur eine hauchdünne Mehrheit im Landtag. „Verlässlich und dauerhaft“, wie es auch der grüne Parteirat gefordert hat, wären nur zwei Bündnisse: Schwarz-Grün und Schwarz-Rot. Wie im Bund.

          Al-Wazir kontrolliert Partei und Fraktion

          Nein, nicht ganz wie im Bund. Damit jeder versteht, was diesmal auf dem Spiel steht, hat Al-Wazir noch einen Zacken draufgelegt. In Berlin, ließ er bei mehreren Gelegenheiten wissen, sei ein Bündnis mit der CDU so gut wie ausgeschlossen. Wegen des Wahlkampfs und wegen der personellen Erneuerung bei den Bundesgrünen. Auch der Kieler Umweltminister Robert Habeck sieht das so. Aber in Hessen, sagt Al-Wazir, werde ernsthaft sondiert. Denn dort gibt es ja einen, der im Wahlkampf keine Optionen ausschloss und die Zügel von Partei und Fraktion fest in der Hand hält: Al-Wazir eben. Das braucht er gar nicht auszusprechen, seine Position ist unumstritten, trotz der vielen Jahre in der Opposition, trotz der Wahlniederlagen.

          Ist die Zeit also reif für Schwarz-Grün in Hessen, sind die Grünen dafür reif? Kommt drauf an, wen man fragt.

          Horst Burghardt muss nicht lange nachdenken. „Na klar“, sagt der Bürgermeister von Friedrichsdorf, einem Frankfurter Vorort am Taunus. Dreimal ist der Grüne direkt gewählt worden. Beim ersten Mal war es noch eine Sensation, die überregional für Aufsehen sorgte. Burghardt, einst Büroleiter des hessischen Umweltministers Joschka Fischer, wurde 1997 der zweite grüne Bürgermeister in Hessen. Bei der letzten Wahl holte er 77 Prozent im ersten Wahlgang, die CDU hatte schon gar keinen Gegenkandidaten mehr aufgestellt.

          Friedrichsdorfs Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) sieht die Zeit reif für ein Bündnis mit der Union
          Friedrichsdorfs Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) sieht die Zeit reif für ein Bündnis mit der Union : Bild: Kretzer, Michael

          Burghardt sitzt in seinem Amtszimmer. Vor ihm liegen Pläne, es geht um eine neue Bahnstrecke. Seine Politik müsse wohl ganz gut gewesen sein, sagt er, um die Wahlerfolge zu erklären. Er habe gute Connections in Wirtschaftskreise. „Sehen Sie mich an, ich bin doch kein Bürgerschreck!“ Das stimmt: Der Mann trägt Jeans, Sakko, Oberhemd. Keinen Schlips. Er habe nicht gewusst, dass Besuch komme, sagt er von sich aus. Dunkler Anzug, dezente Krawatte, Sparkassenblick – so präsentiert sich der Bürgermeister auf der Internetseite seiner Gemeinde.

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