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Merkel in Hessen : Brennendes Herz in einem zahnlosen Wahlkampf

  • -Aktualisiert am

Noch vier Wochen bis zur Landtags- und Bundestagswahl: Angela Merkel mit dem hessischen CDU-Spitzenkandidaten Volker Bouffier, dessen Frau Ursula und Familienministerin Kristina Schröder (links) in Wiesbaden. Bild: Röth, Frank

Am liebsten wäre es Volker Bouffier, wenn die Hessen ihn ganz locker wählten. Dafür muss er noch einiges tun. Die Kanzlerin hilft.

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          Das Empfangskomitee der hessischen CDU-Führung für die Kanzlerin muss fast zehn Minuten in der kühlen Lobby der Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden warten, die an ein Flughafenterminal erinnert. Der auch von Rockstars auf Tour geschätzte schwarzlackierte Reisebus mit Angela Merkel und rund 30 Hauptstadtjournalisten an Bord verspätet sich.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Vor ihrem Auftritt in der hessischen Landeshauptstadt hat sie vor 3000 Menschen auf dem Marktplatz in Bonn gesprochen, zum Schluss dämpfte dort Regen die freundliche, aber nicht überschäumende Wahlkampfstimmung. Ministerpräsident Volker Bouffier und Ehefrau Ursula, der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Jung und besonders Familienministerin Kristina Schröder, die hier ihren Wahlkreis hat, wirken angespannt beim Warten auf den Stargast der Hessen-CDU. An diesem Nachmittag will die Regierungspartei mit der Kanzlerin als wichtigster Helferin in die heiße Wahlkampfphase starten. Es soll hier für die CDU-Basis den motivierenden Aufschlag geben, um das immer noch um eine Nasenspitzenlänge vor CDU und FDP liegende rot-grüne Lager endlich in den Umfragen und dann auch am 22. September zu überholen.

          „Hessen bleibt locker“

          Drinnen im Saal warten schon seit einer Stunde rund 2300 meist ältere CDU-Anhänger, die wenig Interesse an den bunten Filmchen über das schöne Hessenland zeigen. Sie wollen die Kanzlerin sehen. Als Angela Merkel und Bouffier, von Cheerleadern umrahmt, endlich in die Halle einziehen und nach links und rechts winken, werden sie wie auf einem amerikanischen Parteikonvent begeistert empfangen. Die Leute stehen auf, klatschen und johlen zu den Klängen des unvermeidlichen CDU-Wahlkampfsongs „Burning Heart“. Hier stört niemand die gute Stimmung wie zwei Wochen zuvor auf dem Marktplatz in Seligenstadt, wo ein Grüppchen von Jusos mit Trillerpfeifen und Buhrufen die Rede Merkels nachhaltig störte.

          Auf der Bühne setzt eine Privatfernseh-Moderatorin vor den Reden der Wahlkämpfer mit einer Mini-Talkshow den Rahmen der Veranstaltung. „Hessen bleibt locker“ lautet einer der Slogans von Bouffiers CDU, den Angela Merkel bei diesem Auftritt auch auf sich münzt. Bei der Frage nach ihren Urlaubserinnerungen kommt eine Antwort, die an Franz Müntefering erinnert. Der neue Merkel-Sound ist klar und kurz. „Der Urlaub war schön, die Arbeit macht Spaß.“ Bouffier nimmt diesen Ball auf: „Die Stimmung ist prima, die Wirtschaft brummt, und die Leute leben gern hier.“ Später hält er eine Rede, die er schon auf zwei Parteitagen erprobt hat. Er skizziert den guten Zustand des wirtschaftsstarken Landes und erinnert an Missstände unter rot-grünen Landesregierungen etwa an den Schulen: „Als die Schülerzahlen stiegen, wurden die Lehrerstellen gekürzt.“ Bouffier stellt kostenlose Kindergärten in Aussicht, wenn Hessen den Länderfinanzausgleich vor dem Verfassungsgericht kippen sollte, und verspricht einen „Pakt für den Nachmittag“, weil „ich nicht möchte, dass ein Elternteil kündigen muss, weil es keine Betreuung für das Kind nach der Schule gibt“.

          Dickes Lob und viel Applaus

          Am Ende gibt es einen gehörigen Schuss Patriotismus und viel Stolz auf „unsere“ Kanzlerin. „Wir wissen ganz genau, unser Erfolg in Hessen ist undenkbar ohne die Bundesrepublik Deutschland. Wir sind ein Land, auf das die ganze Welt schaut. Die Tatsache, dass wir geachtet und geschätzt werden, hat etwas mit den Millionen Menschen hier zu tun, aber auch mit der Person, die unser Land führt. Ich bin überzeugt, ganz viele wollen, dass sie das auch weiter tut.“ Bei diesen Worten lächelt Merkel milde.

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