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Große Verluste für CDU und SPD : Die Denkzettelwahl

Herbe Verluste: Volker Bouffier (CDU) und Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) Bild: dpa

Die Spitzenkandidaten von CDU und SPD, Volker Bouffier und Thorsten Schäfer-Gümbel, haben viel getan, um vom Bundestrend ihrer Parteien nicht nach unten gezogen zu werden. Es hat nichts genutzt. Drohen jetzt „hessische Verhältnisse“?

          Vor dem Wiesbadener Schloss, in dem der hessische Landtag seinen Sitz hat, steht an diesem Abend ein kleines Dorf, das hell in den dunklen Himmel leuchtet. Die großen Fernsehsender senden aus eigens aufgebauten Studios. Für diese Wahl war der hessische Landtag zu klein geworden. Tausend Journalisten und Techniker hatten sich angemeldet. Noch im Sommer hatte in Wiesbaden die Sorge geherrscht, auch zwei Wochen nach der Bayern-Wahl noch in deren Schatten zu stehen. Es kam anders. Die Wahl in dem Bundesland mit rund sechs Millionen Einwohnern erhielt mehr Aufmerksamkeit denn je. War sie doch zur Schicksalswahl ausgerufen worden – für die große Koalition, ja für die Bundeskanzlerin und die SPD-Parteivorsitzende gleich mit. Und sosehr die beiden hessischen Spitzenkandidaten auch dagegen anruderten, sie wurden mit ihren Parteien vom Weg getrieben. Nicht ob, sondern nur wie weit, war vor dem Sonntag die Frage.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Als dann am Sonntag im Landtag die ersten Zahlen kursieren, wird klar: sehr weit. Die beiden Volksparteien, die dieses heute so erfolgreiche Land im Wechsel mal allein, mal mit kleineren Partnern seit 1946 regierten, stürzen beide ab – die SPD sogar auf ein in Hessen bisher nie dagewesenes Niveau.

          Im Fraktionssaal der CDU im Landtag herrscht absolute Stille, als um 18 Uhr die ersten Prognosen eingeblendet werden. Knapp 28 Prozent, minus zehn Prozentpunkte. Verhaltener Applaus erst beim Ergebnis der SPD: knapp unter 20 Prozent, minus elf. Erst als eine mögliche knappe Mehrheit für eine Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition auf den Bildschirmen erscheint, folgt lauter, erleichterter Applaus. Geplagt von einem steten Gegenwind aus Berlin hatte die hessische CDU zuvor einen äußerst mühsamen Wahlkampf geführt. Kurz vor der Wahl hatte die hessische CDU-Führung noch Optimismus zu verbreiten versucht, zeigten die jüngsten Umfragen doch nach oben. Alles zwar weit entfernt von jenen 38,3 Prozent, mit denen sie in die Koalition mit den Grünen gegangen war. Ganz zu schweigen von jenem Rekordergebnis von 48,8 Prozent, das einst Roland Koch eingefahren hatte. Aber immerhin.

          Grünen-Kandidat Tarek Al-Wazir und Umweltministerin Priska Hinz

          Am Wahlabend aber sprechen Abgeordnete dann von einem „bitteren Ergebnis“. „Die CDU fühlt sich um die Früchte ihrer eigenen Arbeit gebracht“, sagt Innenminister Peter Beuth (CDU). Der Bund habe „wie Senkblei“ an der hessischen CDU gehangen. „Wenn die so weitermachen, werden wir noch weiter in den Keller rutschen.“ Andere werden noch deutlicher: „Wegen Merkel haben wir so verloren“, sagt einer. Und: Loyalitäten könnten sich ändern. In der Bundespartei tue sich momentan ja schon viel.

          Hessen geht es wirtschaftlich hervorragend, die Koalition aus CDU und Grünen, diesen einst so erbitterten politischen Gegnern, hat solide und vor allem ruhig regiert. Als Gegenmodell gewissermaßen zur großen Koalition in Berlin. Doch für die CDU zumindest zahlte sich das nicht aus. Gegen „Berlin“, also den Bundestrend, kam Ministerpräsident Volker Bouffier nicht an. Da half alles Rufen nicht, dass es doch „um Hessen“ gehe. Er konnte sich als einer der treuesten Gefährten Angela Merkels nicht von Berlin lösen. Er versuchte es auch erst gar nicht. Das Ergebnis dürfte Bouffier daher in der hessischen CDU kaum zum Vorwurf gemacht werden. In Berlin aber könnte die Unruhe zunehmen.

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