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FDP-Spitzenkandidat Rock : Selbstbewusst, konfliktfreudig und wankelmütig

  • -Aktualisiert am

Führt die FDP im Landtagswahlkampf an: René Rock Bild: Michael Kretzer

Schwierige Positionsbestimmung: Er hat einmal gesagt, die Union sei nicht mehr „natürlicher Partei“ seiner Partei. Am Ende steht FDP-Spitzenkandidat René Rock die CDU doch näher als die SPD.

          In puncto Selbstbewusstsein lässt sich René Rock nicht leicht in den Schatten stellen. „Die einzige Fortschrittspartei in diesem Land sind die Freien Demokraten“, formuliert der FDP-Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidat in einem zur Landtagswahl erschienenen Gesprächsband mit dem Titel „Solidarität braucht Freiheit“. Die Tatsache, dass das kaum einer zur Kenntnis nehme, hänge nicht zuletzt damit zusammen, dass die FDP nicht mehr als unabhängige politische Kraft empfunden werde, sondern nur noch als Korrektiv. Die Wahrnehmung der FDP als eine Funktionspartei, die anderen Parteien – mal der CDU, mal der SPD – zu Mehrheiten verhelfe, sei eine „historische Bürde“.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rock möchte das ändern, will die FDP zumindest in Hessen wieder zu einer Partei machen, die sich aus sich selbst heraus und nicht über andere definiert. Nur so, glaubt er, könnten die Liberalen in Zeiten von Fünf- oder Sechs-Fraktionen-Parlamenten politisch überleben. Konsequenterweise gab der 50 Jahre alte Seligenstädter Anfang dieses Jahres für die Landtagswahl die Devise aus: Wir wollen regieren, aber nicht um jeden Preis. „Wenn es inhaltlich nicht reicht, dann bitte ohne die FDP.“ Schon bei seinem Amtsantritt als Landtags-Fraktionschef im Mai vergangenen Jahres hatte der Sozialpolitiker Rock angekündigt, dass sich die FDP im Landtag künftig „etwas breiter“ aufstellen und neben der Wirtschaftspolitik einen weiteren Schwerpunkt auf eines seiner persönlichen Herzensanliegen, die Stärkung der frühkindlichen Bildung, legen werde.

          Der „natürliche Partner“?

          Später gab Rock bekannt, dass die CDU in Hessen nicht mehr der „natürliche Partner“ der FDP sei; eine Äußerung, in der manche eine vorsichtige Öffnung hin zur SPD sahen. Mit deren Landes- und Fraktionsvorsitzendem Thorsten Schäfer-Gümbel pflegt Rock ein betont gutes Verhältnis, während seine Beziehung zum Ministerpräsidenten und CDU-Landesvorsitzenden Volker Bouffier lange als gespannt galt. Mit Blick auf die Landtagswahl sind sich die beiden einander aber offenbar nähergekommen. Auch die CDU insgesamt habe sich in den vergangenen Wochen stark auf die FDP zubewegt, sagt Rock.

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          Animiert wohl auch von Mitgliedern des FDP-Landesvorstands, hat der Spitzenkandidat zuletzt mehrfach deutlich gemacht, dass er natürlich lieber eine schwarz-grün-gelbe Jamaika-Koalition hätte als eine Ampel mit Schäfer-Gümbel. „Bei Volker Bouffier weiß man, was man hat“, heißt es jetzt. „Bei Schäfer-Gümbel kauft man ein bisschen die Katze im Sack.“ Auch wenn Rock ein Bündnis mit der SPD weiterhin nicht ausschließt, halten ihm manche in der Partei vor, er habe mit seiner voreiligen Präferenzerklärung zugunsten der CDU die Verhandlungsposition der Liberalen ohne Not geschwächt.

          Eine „grüne Ampel“?

          Rock sieht sich hingegen weiter als Herr der Lage, auch, weil er für seine Partei, die es vor fünf Jahren nur mit Ach und Krach wieder in den Landtag geschafft hat, diesmal mit einem sehr guten Ergebnis, möglichst zweistellig, rechnet. Eine „grüne Ampel“, also eine Koalition unter Führung der Grünen mit der SPD und der FDP als Juniorpartner, die nach jüngsten Umfragen rechnerisch möglich sein könnte, lehnt er ab. Politik gestalten mit den aus tiefstem Herzen verachteten und um ihre Popularität beneideten Grünen: ja; wenn es denn sein muss. Aber unter einem Regierungschef der Grünen? Das wäre für die Liberalen der Super-GAU.

          Leicht wird der FDP-Mann es wohl keinem potentiellen Koalitionspartner machen. Rock, der neuere und mittlere Geschichte studiert und die Universität ohne Abschluss verlassen hat, ist ein Kämpfer. Aufgewachsen als Protestant in einem katholisch geprägten Umfeld in Seligenstadt, habe er Anfang der siebziger Jahre erlebt, was es bedeute, einer Minderheit anzugehören, erzählt er. Damals habe er auch gelernt, sich zu behaupten. Rock ist keiner, der Konflikten aus dem Weg geht, er sucht sie vielmehr geradezu, weil er jeden Meinungsstreit als potentielle Quelle neuer Erkenntnisse sieht.

          Dem Landtag gehört er seit 2008 an, war dort von 2014 bis Mai vergangenen Jahres Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP und ist seitdem Vorsitzender der Landtagsfraktion. Seit 1998 führt er die FDP im Landkreis Offenbach, seit 2011 die FDP-Fraktion in der Regionalversammlung Südhessen. Außerdem gehört der gebürtige Offenbacher der Stadtverordnetenversammlung seiner Heimatstadt Seligenstadt an, wo die FDP bei der Kommunalwahl 2016 mehr als 20 Prozent erreichte.

          Für den Fall einer Regierungsbeteiligung hat Rock für seine Partei, ganz selbstbewusst, schon das Wirtschaftsministerium eingefordert. Ihn selbst zieht es nicht auf einen Kabinettsposten. Er könne sich vielmehr gut vorstellen, sagt der Spitzenkandidat, die FDP auch als Regierungsfraktion weiter zu führen.

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