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Regierungsbildung in Hessen : Endlich Minister: Tarek Al-Wazir

Tarek Al-Wazir: stellvertretender Ministerpräsident, verantwortlich für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Bild: dpa

Tarek Al-Wazir hat nach einer eigentlich vermurksten Wahl die Chance für ein neues Bündnis ergriffen. Die Grundlage für Schwarz-Grün hat er schon eher geschaffen - seit 2008 in persönlichen Treffen mit Ministerpräsident Volker Bouffier.

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          Es gab eine Zeit nach der Hessenwahl, da haderte Tarek Al-Wazir mit seinem Schicksal. Alle dunklen Mächte schienen sich gegen ihn, den Chef der Grünen, verschworen zu haben. Warum hatten Zeitungen just vor der Wahl pikante Details über die pädophile Vergangenheit seiner Partei enthüllt? Warum war es der FDP am Ende doch noch gelungen, in den Landtag einzuziehen, mit lediglich tausend Stimmen über dem Durst? Und überhaupt: Warum musste die Bundestagswahl am selben Tag stattfinden – was der hessischen CDU Rückenwind bescherte, während den Landesgrünen der rauhe Wind eines vermurksten Wahlkampfs der Bundespartei ins Gesicht blies?

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Nein, Tarek Al-Wazir war nicht glücklich in jenen Tagen. Er war zum fünften Mal in seiner politischen Laufbahn für Rot-Grün in den Ring gestiegen – und hatte zum fünften Mal verloren. Der Wahlkampf steckte ihm in den Knochen: wochenlang als Spitzenkandidat durch Kleinstädte hoppeln und trotzdem immer auf Sendung sein, wenn in der großen weiten Welt etwas passiert, das nach Stellungnahme verlangt. Tarek Al-Wazir, Anfang vierzig, war müde, er hatte dunkle Ringe unter den Augen, sein Haar war völlig ergraut. Man sprach ihn lieber nicht auf seinen Nachnamen an: Al-Wazir, arabisch für: der Minister. Der Spitzengrüne rechnete mit einer großen Koalition in Hessen, er sah fünf weitere Oppositionsjahre vor sich, und er dachte ernsthaft darüber nach, aus der Politik auszusteigen.

          Angriffslust, Redetalent und Sachkenntnis

          So war das, aber dann kam alles anders. In den Sondierungen öffnete sich die Tür für ein Bündnis mit der CDU – und Al-Wazir stellte sofort seinen Fuß hinein. Das zeichnet Spitzenleute aus: Sie erkennen schneller als andere, wenn sich neue Möglichkeiten ergeben, und sie zaudern nicht. Nun ist Tarek Al-Wazir stellvertretender Ministerpräsident, verantwortlich für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung. Wenn er Erfolg hat, wenn Schwarz-Grün gelingt, werden sich in ein paar Jahren auch im Bund alle Blicke auf ihn richten. Der Mann aus Offenbach verkörpert die neue Machtoption der Partei.

          Ziemlich schnell ging das. Für Al-Wazir, für die Partei. Aber er hat sie eingebunden und mitgenommen. Drei Viertel der Mitglieder stimmten am Ende dem „Lagersprung“ zu, alle Parteigranden der hessischen Grünen eingeschlossen. Sogar Joschka Fischer signalisierte aus der Ferne Unterstützung.

          Regieren gemeinsam in Hessen: Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU, rechts) und Tarek Al-Wazir (Grüne)

          Al-Wazir weiß, wie man Mehrheiten organisiert, er hat es von der Pike auf gelernt. Seine eigene Karriere begann mit der Grünen Jugend Hessen. Die gründete er mit, war schnell Vorsitzender und setzte sie bei Parteitagen als Machtmaschine ein. So kam er, Politikstudent und Stadtverordneter aus Offenbach, 1995 in den Landtag. Als 24-Jähriger. Fünf Jahre später war er schon Partei- und Fraktionsvorsitzender. Die Fraktion haderte mit ihrer unerwarteten Wahlniederlage gegen Roland Kochs CDU, es gab ein Hauen und Stechen, bis nur noch einer halbwegs unbelastet war: eben Al-Wazir. Zwei Spitzenämter in einer Hand, das war für die Grünen ungewöhnlich genug. Doch er warf sich in die Schlacht mit der neuen Regierung, bewies Angriffslust, Redetalent und Sachkenntnis. Das weibliche Personal, das ihm aus Quotengründen zur Seite gestellt wurde, verblasste stets.

          Bouffier ist der führende Partner

          In vierzehn Jahren hat Al-Wazir eine Stellung errungen, die der Joschka Fischers ähnelt. Wie bei diesem ist seine Macht nicht an Ämter gebunden. Deshalb konnte Al-Wazir seine Spitzenposten in Partei und Fraktion jetzt aufgeben, er will sich ganz auf das Regieren konzentrieren. Wenn Volker Bouffier etwas grundsätzlich zu klären hat, wird er sich auch künftig an ihn wenden.

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