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SPD-Erfolgsrezept in Hamburg : Eine ziemlich rote Stadt

Drei Worte zum Sieg: Das zentrale Wahlplakat der Hamburger SPD Bild: dpa

Die SPD ist wie eine Klammer für Hamburg. Die Arbeiterpartei repräsentiert ebenso das hanseatische Lebensgefühl und ist daher für alle wählbar. Das hat sich auch an diesem Sonntag wieder gezeigt.

          7 Min.

          Traditionell treffen sich die Hamburger Sozialdemokraten nach Bürgerschaftswahlen zu ihrer Wahlparty in der Altonaer Fabrik. Früher war die Fabrik tatsächlich das, was der Name sagt – eine vor 150 Jahren gegründete Werkzeug- und Munitionsfabrik. Aber seit Anfang der siebziger Jahre ist ein Teil des alten Werkes, nämlich die eigentliche Werkhalle, zu einem Kulturzentrum geworden.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Gebäude einschließlich des Krans auf dem Dach, wie es heute dasteht, ist nicht mehr original. Nach einem Brand Ende der siebziger Jahre wurde das Zentrum wiedererrichtet. Die Fabrik ist ein imposantes Beispiel von Industriearchitektur.

          Beinahe wie ein Kirchenschiff wirkt die Halle, hoch mit den umlaufenden Galerien in zwei Stockwerken. Für Sozialdemokraten ist hier alles Symbol. Denn die alte Werkzeugfabrik im Altonaer Stadtteil Ottensen war Teil des Industriereviers im Westen von Hamburg. Nur ein paar Schritte weiter liegt das Gelände der Zeise-Werke, wo Schiffsschrauben hergestellt wurden, bis sie so groß geworden waren, dass sie nicht mehr durch die Tore und Straßen passten. Die Fischverarbeitung unterhielt hier gleich mehrere Betriebe und sicherte Hunderte Arbeitsplätze. Bei Kolbenschmidt wurden noch bis vor wenigen Jahren Zulieferteile für Autos hergestellt. Sogar Schwarzkopf, der Hersteller von Haarkosmetik, ist in Ottensen vertreten.

          Auf der einen Seite liegt die Elbe mit dem Hafen, auf der anderen die Bahngleise mit dem Bahnhof Altona. Einst wohnten die Arbeiter gleich neben den Produktionsstätten. So entstand hier Straßenzug um Straßenzug. Hinzu kam die entsprechende Infrastruktur, kleine Läden, Handwerk, Kneipen. Damals war Altona zwar noch eine eigenständige Stadt. Aber im alten Hamburg war die Industrialisierung ähnlich verlaufen, vor allem durch den Taktgeber Hafen, der als der östlichste Atlantik- und westlichste Ostseehafen gilt. So gesehen steht die Fabrik für die Arbeiterwelt, in der die Hamburger Sozialdemokratie groß geworden ist. Dass sie bis heute die führende politische Kraft in der Stadt ist, zeigt, dass sie auch den Wandel der Welt begleitet und sich selbst dabei gewandelt hat.

          In der Fabrik wird heute nicht mehr malocht, hier vergnügt man sich. In dem alten, backsteinernen Zeise-Hof gibt es heute ein Kino, Galerien, Restaurants, Geschäfte. Die Bebauung eines zweiten Zeise-Areals gleich daneben ist umstritten. Hier will ein bekanntes Werbeunternehmen, angezogen von der Kreativität des Stadtteils Ottensen, ein Bürohaus beziehen. Das Zeise-Archiv liegt heute im Altonaer Museum, die Schiffsschrauben sind Ausstellungsstücke. Der Kolbenhof ist an Kleingewerbetreibende vermietet, aber immer nur für ein Jahr, weil die Zukunft des Areals ungeklärt ist.

          Die alten Wohnungen der Arbeiterschaft sind heute gefragte Hamburger Quartiere, ob nun in Ottensen, St. Georg hinter dem Hauptbahnhof oder im Schanzenviertel. Die Mieten steigen, Alteingesessene werden verdrängt. Auch auf altem Industriegelände sollen Wohnungen entstehen, im Kolbenhof etwa – was dem Eigentümer, der Rheinmetall AG, den Vorwurf einbrachte, sie habe die Produktion hier nur deshalb eingestellt, um durch Wohnungsbau auf dem Gelände die Rendite zu verbessern. Der Altonaer Bahnhof, der 1898 schon einmal um ein paar hundert Meter umgezogen war, wird komplett verlegt.

          Damit wird ein riesiges Areal für eine „Neue Mitte Altona“ frei. Im Wahlkampf konnte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) den ersten Spatenstich auf dem bereits baufreien Gelände des alten Güterbahnhofs setzen. Gleich daneben liegt die Holsten-Brauerei. Auch sie plant den Umzug, schon wird mit Wohnungsinvestoren verhandelt. Etwa dreitausend Wohnungen könnten in der „Neuen Mitte“ alles in allem entstehen. Die Baustelle ist vergleichbar mit der einst vom SPD-Bürgermeister Henning Voscherau angeregten Hafen-City.

          Die Hafen-City auf altem Hafengelände ist zu großen Teilen fertig. Nur das sogenannte Überseequartier fehlt noch, Baubeginn soll in zwei Jahren sein. Der gewaltige Glaskasten der Elbphilharmonie erhebt sich auf einem alten Hafenspeicher. Auf der anderen Seite der Elbe liegen gleich zwei Musical-Theater nebeneinander auf früherem Industriegelände.

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