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Olaf Scholz : Der neue Star der SPD

Stratege: Wer ihn kennt, weiß, dass er sich jedes Amt zutraut Bild: dpa

Seine spröde Art ist in Hamburg schon zur Marke geworden. Als Mann des Kompromisses hatte er seine Erfolge, es waren die kleinen Triumphe der Sachlichkeit. Als Erster Bürgermeister will der ehemalige Arbeitsminister Olaf Scholz endlich zeigen, was er so alles kann.

          Ein kleiner Mann mit Stupsnase dreht seit Wochen seine Runden. Nicht morgens beim Joggen an der Alster, denn Olaf Scholz hat sich bei einer Rutschpartie auf dem Hamburger Eis was am Knöchel geholt und muss eine Laufpause einlegen. Aber er macht abends seine Runde, in Hamburgs Wahlkreisen. Die Veranstaltungen sind gut besucht, Olaf-Plakate werden aber nicht geschwenkt, und der Beifall geht nicht in rhythmisches Klatschen über. Es geht sehr hamburgisch trocken um fehlende Wohnungen, um gute Schulen oder Schlaglöcher auf den Straßen. Oder auch um die Reiterstaffel der Polizei.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Warum die nicht in den Parks patrouillieren dürfe, wozu sie ja gegründet worden sei, will eine ältere Dame am Mittwochabend im Hotel- und Wohnkomplex „New Living Home“ in Hamburg-Lokstedt wissen. „Wir wissen auch nicht, was Herrn Ahlhaus da geritten hat“, sagt Olaf Scholz und freut sich diebisch über sein gerade erfundenes Wortspiel.

          Heute in zwei Wochen wählen die Hamburger ihre neue Bürgerschaft. Und der neue Erste Bürgermeister wird wohl Scholz heißen. Laut der jüngsten Umfrage vom Donnerstag wollen 46 Prozent der Hamburger die SPD wählen, das erinnert an die achtziger Jahre seligen sozialdemokratischen Angedenkens. Die CDU kommt auf 25 Prozent. Die Rollen der Protagonisten haben sich gedreht: CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus erscheint als Herausforderer, Olaf Scholz, dem diese Rolle eigentlich zufiele, wandelt schon jetzt als der neue starke Mann durch die Stadt. Als Kurt Beck ihn vor gut zwei Jahren als seinen Nachfolger im Amt des SPD-Parteichefs vorschlug, da war die Häme in den Medien groß. Nun ist Scholz der Star der SPD, und Stars hat die Partei Gott weiß nicht so viele. Ob er an die absolute Mehrheit für die SPD glaube, wird Scholz, stets in weißem Hemd und dunklem Anzug, aus dem Publikum in Lokstedt gefragt. Scholz sagt: „Ich bin Realist. Und realistisch ist das nicht.“ Doch er bemerkt zugleich, diese Frage sei lange nicht an einen SPD-Politiker gestellt worden.

          Wenig entgegenzusetzen: Der amtierende Bürgermeister Christoph Ahlhaus (links) kommt nicht so recht an bei den Hamburgern

          Kleine Triumphe der Sachlichkeit

          Die Hamburger SPD kann ihr Glück denn auch kaum fassen. In den vergangenen Jahren hat sie vor allem durch Skandale von sich reden gemacht. Nun ist sie obenauf. Das hat mit dem Rückzug des beliebten CDU-Bürgermeisters Ole von Beust zu tun. Und mit dem ruhmlosen Ende von Schwarz-Grün. Aber auch mit Olaf Scholz.

          Der hat eigentlich das Image eines Technokraten, eines Apparatschiks: spröde und blutleer. Scholz ist ein bisschen wie Angela Merkel, hochintelligent und strategisch denkend, aber eben nicht gerade mitreißend. Mit seinen Ideen ist er den anderen meist voraus, hat die Lösung schon parat, wenn die das Problem noch nicht erkannt haben. So war es in der SPD beim Mindestlohn, so war es als Bundesarbeitsminister bei der Job-Center-Reform oder bei der Frage des Fachkräftemangels. Nur genützt hat Scholz seine Schnelligkeit nicht immer. Denn es fehlt bei ihm meist an der großen Überschrift, an der Durchschlagskraft, am Marketing.

          Scholz ist ein Anti-Guttenberg. Sich selbst zu inszenieren und Konflikte anzuheizen ist seine Sache nicht, auch nicht, sich gegen die eigene Partei zu profilieren. Scholz ist trickreich, er weiß, wie Politik funktioniert, aber er ist auch verlässlich und loyal. Als Mann des Kompromisses hatte er seine Erfolge, es waren die kleinen Triumphe der Sachlichkeit. Öffentliche Anerkennung haben sie ihm nur bedingt eingebracht.

          Klarheit, Vernunft, Verantwortung

          Nüchtern, rational, kein Politiker zum Anfassen – in Hamburg gilt Scholz auf einmal gerade deswegen als Marke. „Sicher passe ich zur Hamburger Mentalität“, sagt er. Und kommt mit einem Programm daher, das auf den großen Wurf, auf Visionen verzichtet. Auf seinen Plakaten steht neben seinem Gesicht nur eines der drei Worte: Klarheit, Vernunft, Verantwortung. Gutes Regieren – das reicht als Wahlkampfthema. Nach dem Auseinanderbrechen von Schwarz-Grün scheint es in Hamburg eine Konjunktur für Seriosität zu geben – auch wenn die etwas langweilig daherkommen mag.

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