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Wer ist Peter Tschentscher? : Er kam, er wurde unterschätzt, er siegte

Wahlparty: Tschentscher lässt sich am Sonntagabend feiern Bild: dpa

Zwei Jahre bloß hatte Peter Tschentscher, um in Hamburg das Erbe des Olaf Scholz anzutreten. Er nutzte sie. Vielleicht haben die forschen Grünen seinen Ehrgeiz geweckt?

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          Peter Tschentscher hat die Zeit gut genutzt. Zwei Jahre bloß hatte er, um sich als Erster Bürgermeister in Hamburg bekannt zu machen, seine Kompetenz als politischer Generalist und Mann mit Zukunft unter Beweis zu stellen. Er schaffte mehr noch: Tschentscher ist nun einer der wenigen Sozialdemokraten, die in den vergangenen Jahren eine Wahl von überregionaler Bedeutung gewonnen haben. Zwar schnitt die SPD nach ersten Prognosen sieben bis acht Prozentpunkte schlechter ab als 2015, aber sie liegt sehr deutlich vorn. Das hatten viele Tschentscher nicht zugetraut.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Vor allem die grünen Koalitionspartner dachten, sie hätten mit dem etwas spröden Labormediziner ein leichtes Spiel, und gingen gegen Tschentscher voll auf Sieg. Schon sah sich die grüne Spitzenkandidatin im Rathaus auf dem Platz der Ersten. Vielleicht war es diese rauschhafte Geringschätzung gegenüber dem eher still-effizienten als lautstark-visionären Tschentscher, der seinen Kampfgeist weckte.

          In die Politik war er durch viele Jahre ehrenamtlichen Engagements gekommen. Tschentschers eigentlicher Beruf ist die Medizin. Der gebürtige Bremer studierte nach dem Zivildienst dazu auch noch Molekularbiologie, er wurde promoviert und später habilitiert. Neben seiner Arbeit am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, zuletzt als Oberarzt, engagierte er sich im Wohnumfeld. Anderthalb Jahrzehnte lang beteiligte sich der heute 54 Jahre alte, verheiratete Vater eines Sohnes in seiner Freizeit in der Bezirksversammlung Hamburg-Nord. Dann erst ging er in die Bürgerschaft.

          An die Spitze war Tschentscher vor zwei Jahren mit Hilfe von Olaf Scholz gelangt. Dem hatte er zuvor sieben Jahre lang als Finanzsenator loyal gedient und Scholz das nötige Geld für dessen Stadtbaupläne verschafft, darunter viel geliehenes. Ob es in solchen Zusammenhängen mit der Privatbank Warburg Absprachen gab, die dem Geldhaus nach unlauteren Cum-Ex-Geschäften Vorteile brachten, war kurz vor der Wahl umstritten und wird die Bürgerschaft darüber hinaus beschäftigen.

          Die Berliner SPD-Chefs wurden auf Distanz gehalten

          Als Tschentscher 2018 Scholz nachfolgte, der in Berlin Finanzminister wurde, bezweifelten selbst seine Parteifreunde, dass er die auch an der Elbe notleidende SPD hochbringen könnte. Die Umfragen waren mies, auch wegen des Versagens der Stadt gegen die linksextremen G-20-Attacken im Vorjahr. Landesvorsitzende wurde deshalb Arbeitssenatorin Melanie Leonhard. Auch mit ihr musste Tschentscher also rechnen, falls er schwächeln würde.

          Hat er aber nicht. Sein Wahlkampf war engagiert und ambitioniert. Und er bewarb in vielem so ungefähr das Gegenteil der Bundes-SPD. Deren neue Parteichefs wurden erst gar nicht groß zum Wahlkampf eingeladen, im Gegenteil. Tschentscher ließ sogar wissen, dass er nach wie vor Olaf Scholz für einen prima Kanzlerkandidaten halte. Aber jetzt kann er erst mal selber etwas feiern.

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