https://www.faz.net/-gpf-82pvo

Das britische Wahlsystem : Die einfache Mehrheit reicht

David Cameron will bei der Unterhauswahl nicht aus dem Amtssitz des Premierministers in Downing Street 10 rausgefegt werden. Bild: AFP

Bei der Wahl zum britischen Unterhaus am 7. Mai gilt ein striktes Mehrheitswahlrecht. Wegen der politischen Entwicklung treten nun seine Schwächen zutage. Einen Willen zur Veränderung gibt es bei den britischen Wählern aber nicht.

          2 Min.

          Die Unterhauswahl am 7. Mai verspricht eine der spannendsten Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien zu werden. Keine der beiden großen Parteien, Labour und Torys, kann mit einer Mehrheit der Sitze rechnen. Auch die derzeitige Koalition aus Torys und Liberaldemokraten ist gefährdet. Denn die Liberaldemokraten werden wahrscheinlich nicht so stark abschneiden werden wie vor fünf Jahren. Damals gewannen die Liberaldemokraten mehr als 50 Sitze. Doch bei dieser Wahl können die schottischen Nationalisten von der SNP mit einer signifikanten Vergrößerung ihrer Fraktion rechnen. Das System aus zwei großen Parteien - Torys und Labour -, von denen eine immer die Regierung stellen, scheint nachhaltig erschüttert.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Zur Unterhauswahl gilt in Großbritannien das Mehrheitswahlrecht, im Englischen oft mit dem Begriff „first past the post“ bezeichnet. Das bedeutet, dass der Kandidat eines Wahlbezirks, der die meisten Stimmen bekommt, die Wahl gewinnt und den Wahlkreis im Unterhaus repräsentiert. Großbritannien besteht aus 650 solcher Wahlbezirke. Der relative Stimmenanteil spielt beim Wahlresultat keine Rolle. So ist es theoretisch möglich, dass eine Partei, die landesweit zwar eine hohe Prozentzahl der Wählerstimmen erhält, nur wenige Sitze im Unterhaus bekommt. Die Liberaldemokraten etwa hatten im Jahr 1983 einen Stimmenanteil von 25 Prozent, bekamen aber nur 23 von 650 Sitzen.

          Für die Bildung einer Regierung benötigt eine Partei oder eine Parteienkoalition mindestens 326 Sitze. Die derzeitige Regierung verfügt über 358. Gibt es keine Mehrheit für eine einzelne Partei, sprechen die Briten von einem „hung parliament“ und es müssen Koalitionen gebildet werden. Vorstellbar wäre eine Koalition aus mehreren Parteien, die die Regierung bilden. Es wäre aber auch eine Minderheitsregierung möglich.

          In diese Richtung gibt es auch in diesem Jahr Gedankenspiele. Der Führerin der schottischen Nationalisten, Nicola Sturgeon, hat angekündigt, eine mögliche Labour-Minderheitsregierung zu stützen. Ein Angebot, das der Chef der Labour-Partei, Ed Miliband, allerdings strikt abgelehnt hat.

          Unterhauswahlen Großbritannien 2015Ergebnisse im Detail

          Ergebnisse 2015 Ergebnisse 2010

          • Labour
          • SNP
          • Lib Dem
          • DUP
          • Green
          • Sonstige
          • UKIP
          • Conservative
          326 Sitze zur Mehrheit
          Gewinne/Verluste beziehen sich auf die Ergebnisse der Unterhauswahl 2010.

          England 533 von 650 Sitzen

          33%
          7%
          6%
          0,5%
          15%
          39%
          24.–26.04.2015, Quelle: ICM/The Guardian

          Schottland 59 von 650 Sitzen

          25%
          49%
          5%
          3%
          17%
          16.–20.04.2015, Quelle: YouGov/The Times

          Wales 40 von 650 Sitzen

          40%
          6%
          PC 12%
          4%
          < 0,5%
          13%
          26%
          13.–15.04.2015, Quelle: YouGov/ITV Wales, Cardiff University

          Nordirland 18 von 650 Sitzen

          DUP 26%
          SF 24%
          SDLP 15%
          UUP 12%
          Alliance 6%
          Sonstige 17%
          11.–24.09.2014, Quelle: LucidTalk/Belfast Telegraph

          Ergebnisse der Wahlkreise 2015
           
          Ergebnisse der Wahlkreise 2010
           

          Quelle: Press Association
          Ergebnisse im Detail

          In jedem Fall scheint die bisherige politische Landschaft bei dieser Wahl umgepflügt zu werden. Das strenge Mehrheitswahlsystem begünstigt normalerweise die Herausbildung von zwei großen Parteien, wie es auch in den Vereinigten Staaten der Fall ist. In einem solchen System können allerdings Parteien, die über eine starke lokale Verankerung verfügen, in die Phalanx der Großen einbrechen, in dem sie ihre Anstrengungen auf einige Wahlbezirke konzentrieren. Kleinere Parteien konnten nach 1945 so immer wieder Abgeordnete im Unterhaus stellen.

          Angesichts dieser Entwicklungen schien es schon vor fünf Jahren notwendig, das Wahlsystem zu reformieren. Ein Referendum im Jahr 2011 setzte diesem Vorhaben jedoch ein Ende. Mehr als zwei Drittel der Wähler sprach sich für die Beibehaltung des jetzigen Systems aus, trotz seiner Schwächen.

          Unterhaus-Wahlen : Einwanderer als „Königsmacher“ in Großbritannien

          Weitere Themen

          Merkel vorerst gegen Sonderrechte für Geimpfte Video-Seite öffnen

          Keine Privilegien : Merkel vorerst gegen Sonderrechte für Geimpfte

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich gegen Sonderrechte für all jene ausgesprochen, die bereits gegen das Coronavirus geimpft sind. Solange nicht geklärt sei, ob Geimpfte weiter ansteckend sind, stelle sich die Frage der Privilegien überhaupt nicht, sagte Merkel in Berlin.

          Topmeldungen

          Pandemie-Bekämpfung : Das Versagen der Schweiz

          In der Regierung in der Schweiz sitzen sieben Vertreter von vier Parteien, die ausgeprägt gegensätzliche Strategien zur Corona-Bewältigung verfolgen. Das Ergebnis ist eine einzige Peinlichkeit – und hat tödliche Folgen.

          Nach Trump : Wer Biden zuhört

          Wer befreit die moderate Rechte in Amerika aus dem Griff der Extremisten? Dem demokratischen Präsidenten allein kann das nicht gelingen. Aber eine bessere Gelegenheit als jetzt wird es so bald nicht geben.
          Stellenweise schon renaturiert: Auenlandschaft mit der Erft im vergangenen Frühjahr

          Schwierige Renaturierung : Warum der frühere Kohleausstieg auch Probleme bringt

          Schön für die Natur, wenn weniger Kohle abgebaut wird. Könnte man denken. Doch die Renaturierung in Tagebaugebieten ist kompliziert. Im Fall eines Flüsschens, das durch das Rheinland und die Eifel fließt, wird sie zu einer fast unlösbaren Aufgabe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.