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Wahl in Großbritannien : Wen die britischen Medien an der Regierung sehen wollen

Die „Sun“ weiß, wen die Leser bevorzugen sollen: in Schottland die schottische Nationalpartei SNP, im Rest des Landes die Tories, Hauptsache nicht Labour. Bild: AFP

Die englische Ausgabe der „Sun“ warnt vor dem „sozialistischen Wahnsinn“ einer linken Labour-Minderheitsregierung. Auch die anderen Zeitungen in Großbritannien tragen ganz offen und massiv ihre Wahlempfehlungen vor - doch gibt das noch den Ausschlag?

          2 Min.

          Der Chefredakteur der „Clarion“ ist ein reaktionärer Patriot, der jeden Tag eine neue Anti-Einwanderer-Geschichte ins Blatt heben will. Ein Leser nimmt die Hetzkampagne gegen die „Überschwemmung“ Britanniens wörtlich: Der alte Herr übt ein Selbstmordattentat auf eine Moschee aus. Die Bombenweste, die er gebastelt hat, war mit Schlagzeilen aus der „Clarion“ beklebt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Mark Jagasia, Autor der Satire „Clarion“, die zurzeit auf der Londoner Bühne zu sehen ist, würde wahrscheinlich behaupten, dass Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Zeitungen zufällig seien. Doch ist nicht zu verkennen, dass die „Clarion“, die gegen den „großstädtischen Liberalismus“ wettert, Züge der „Daily Mail“ trägt. Das Stück dreht sich unter anderem darum, ob der Chefredakteur die Verantwortung tragen müsse für das Attentat.

          Doktorarbeiten haben sich mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss Zeitungen auf ihre Leser haben, zumal wenn es um Wahlempfehlungen geht. Nach dem Wahlsieg der Konservativen im Jahr 1992 posaunte Rupert Murdochs „Sun“: „It’s The Sun Wot Won It“. Das Boulevardblatt hatte am Wahltag aufgemacht mit der Aufforderung, im Falle eines Labour-Sieges möge der Letzte, der Britannien verlasse, das Licht ausknipsen.

          Als Rupert Murdoch 2012 nach dem Abhörskandal in seinem Verlag vor der Untersuchungskommission zur Presseethik aussagte, erklärte er die sprichwörtlich gewordene Schlagzeile „It’s The Sun Wot Won It“ für geschmacklos. Er bestritt außerdem, dass Zeitungen die Macht hätten, den Ausgang einer Wahl zu entscheiden.

          Unterhauswahlen Großbritannien 2015Ergebnisse im Detail

          Ergebnisse 2015 Ergebnisse 2010

          • Labour
          • SNP
          • Lib Dem
          • DUP
          • Green
          • Sonstige
          • UKIP
          • Conservative
          326 Sitze zur Mehrheit
          Gewinne/Verluste beziehen sich auf die Ergebnisse der Unterhauswahl 2010.

          England 533 von 650 Sitzen

          33%
          7%
          6%
          0,5%
          15%
          39%
          24.–26.04.2015, Quelle: ICM/The Guardian

          Schottland 59 von 650 Sitzen

          25%
          49%
          5%
          3%
          17%
          16.–20.04.2015, Quelle: YouGov/The Times

          Wales 40 von 650 Sitzen

          40%
          6%
          PC 12%
          4%
          < 0,5%
          13%
          26%
          13.–15.04.2015, Quelle: YouGov/ITV Wales, Cardiff University

          Nordirland 18 von 650 Sitzen

          DUP 26%
          SF 24%
          SDLP 15%
          UUP 12%
          Alliance 6%
          Sonstige 17%
          11.–24.09.2014, Quelle: LucidTalk/Belfast Telegraph

          Ergebnisse der Wahlkreise 2015
           
          Ergebnisse der Wahlkreise 2010
           

          Quelle: Press Association
          Ergebnisse im Detail

          Die Spitzenkandidaten der beiden großen Parteien scheinen bisher anders zu denken. Sie haben stets eifrig um Murdochs Zustimmung gebuhlt, und der schlaue Fuchs setzte darauf, dass der erfolgreiche Bewerber - seine Zeitungen standen immer hinter dem Sieger - im Gegenzug die Interessen seines Imperiums wahre. Diesmal verhält es sich anders. Seit dem Abhörskandal ist Murdochs Macht geschwunden. Die Welt wartet nicht mehr darauf, wem er seine Gunst erweisen will. Ohnedies sprechen seine Zeitungen - nicht zum ersten Mal - mit gespaltener Zunge. Die englische Ausgabe der „Sun“ warnt vor dem „sozialistischen Wahnsinn“ einer linken Labour-Minderheitsregierung, unterstützt von den „Abwrackern“ der Schottischen Nationalpartei SNP, und ermahnt die Leser, für die Konservativen zu stimmen, um das Land vor dem Abgrund zu bewahren.

          „Die neue Hoffnung für Schottland“

          Derweil huldigt die schottische Ausgabe der als Prinzessin Leia aus „Krieg der Sterne“ aufgemachten SNP-Führerin Nicola Sturgeon. Sie sei die „neue Hoffnung“ für Schottland. Womöglich, so wird gemunkelt, lautet die Rechnung, dass die SNP ihren Einfluss in einem möglichen Bündnis mit Labour geltend machen könne, um die Zerschlagung des Murdoch-Imperiums zu verhindern, die der Labour-Chef Ed Miliband in Aussicht stellt.

          So ist kaum verwunderlich, dass Murdochs „Times“ am Mittwoch die Wiederwahl der Koalitionsregierung empfohlen hat. Die Schwesterzeitung „Sunday Times“ sprach sich noch deutlicher für die Konservativen aus. Ebenso „Daily Mail“ und „Telegraph“. „Guardian“ und „Observer“, die 2010 hinter den Liberaldemokraten standen, sind zu Labour umgeschwenkt, die „Financial Times“ plädiert für taktisches Wählen, um den Verbleib der jetzigen Regierung zu sichern. Das Risiko mit Labour sei zu groß. Der konservative „Express“, dessen Besitzer der United Kingdom Independence Party eine Million Pfund spendete, schlägt sich auf die Seite der rechtspopulistischen Partei. Dem links der Mitte stehenden „Independent“ wird unterstellt, die konservativ-liberale Koalition zu unterstützen, weil der russische Eigentümer des Blatts - wie fast alle britischen Zeitungsbesitzer - zu den Bewohnern des Landes zählt, auf deren nicht eingeführtes Kapitalvermögen die britische Steuer keinen Zugriff nimmt. Obwohl die Presse mehrheitlich auf der Seite der Konservativen steht, spiegelt sich dies nicht in den Umfragen, woraus jeder seine eigenen Schlüsse über den Einfluss der vierten Gewalt ziehen kann.

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