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Wahl in Großbritannien : Das jüdische Problem der Labour Party

  • -Aktualisiert am

Falls Corbyn und seine Anhänger vielleicht nicht selbst Antisemiten sein sollten, so sind sie doch zumindest extrem tolerant gegenüber anderen, die es sind. Man verkehrt nicht mit Holocaust-Leugnern und bezeichnet Organisationen, die dem weltweiten Mord an Juden konstitutionell verpflichtet sind, nicht als seine „Freunde“, wenn man nicht außergewöhnlich gleichgültig gegenüber jüdischen Interessen ist.

Begeistert von der Weigerung, das übliche Spiel zu spielen

Die britische Linke mag blind für den in ihren Reihen grassierenden Antisemitismus sein, die britischen Juden sind es nicht. Nach einer vom „Jewish Chronicle“ durchgeführten Umfrage haben sage und schreibe 77 Prozent der britischen Juden die Absicht, am kommenden Donnerstag für die Konservativen zu stimmen, während nur 13 Prozent angeben, Labour wählen zu wollen. Auch sehen die britischen Juden den politischen Antisemitismus in einem anderen Licht als ihre Landsleute. Auf einer Skala von 1 bis 5, auf der 1 für ein „niedriges Niveau von Antisemitismus bei Mitgliedern und gewählten Abgeordneten einer Partei“ und 5 für ein „hohes Niveau“ steht, ordnen die Juden Labour bei 3,94 und die Tories bei 1,96 ein.

Diese Umfrage lässt eine außergewöhnliche Selbstgefälligkeit im Blick auf den Antisemitismus in Großbritannien erkennen, zumindest innerhalb der Linken. Hier drängt sich ein Vergleich mit Donald Trumps Anhängern auf. Denn wie zahlreiche Amerikaner „wussten, dass Trump vulgär, unwissend, rassistisch und frauenfeindlich“ ist, ihn aber trotzdem wählten, so wissen Corbyns Anhänger durchaus von dessen „Unterstützung für Terrorismus und seiner Toleranz gegenüber dem Antisemitismus“, schreibt David Hirsh, Professor am Goldsmiths College und Autor eines demnächst erscheinenden Buchs über linken Antisemitismus. „Nicht dass die Wähler das nicht wüssten; und nicht dass es gar keine Rolle spielte. Vielleicht sind die Wähler sogar begeistert davon – und von seiner Weigerung, das übliche Spiel zu spielen.“

Und tatsächlich, fährt Hirsh fort: „Je mehr man auf Corbyns Unterstützung für Terroristen, für jeden Krieg gegen Britannien und für antisemitische Bewegungen hinweist, desto größer wird ein gleichsam störrischer Respekt für ihn.“ Die vollkommene Gleichgültigkeit und gelegentlich auch Hochachtung gegenüber Corbyns langjähriger Kameraderie mit einer elenden Kollektion von Terroristen, Spinnern und Antisemiten ist ein beunruhigendes Vorzeichen. Eine einstmals große Partei verwechselt den demokratischen Sozialismus mit einem Sozialismus von Irren.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

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